ANGEFASST IST NICHT BERÜHRT

Dieser Moment danach -
Alles Anfassbare angefasst
Gegenseitig
Und sich immer noch nicht berührt
Oder gerührt
Innenseitig -
Gegenwärtig bleibt die seltsame Distanz
Alles Fassbare noch nicht erfasst - -
Nur Leere, All-Einsamkeit
Unterschwellig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KRONE

Sie spielt ihn, ihren Saxofon,
Und sie spielt ihn gut.
Sie gibt an, gekonnt, den Ton.
Er wird in seinem Mut
Meinungslaut wie ein Megafon,
Kündigt an, angeregt, ihre Sintflut,
Macht sich zu ihrem Thron:
Setz Dich!, was sie auch tut,
Seine Krone, sein zweiter Hut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUGIERDE

Deine Neugier ist Brot
Ich beiße rein
Ich lecke Dein Blut
Und schmecke Wein
Du schmeckst so gut
Weiter oben am Bein
Stell Dich nicht tot
Du darfst noch nicht müde sein
Ich komme wieder rein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE STIMME

Der Wind stieg aus dem Meer empor
lief durch den Wald
erzählte dort wilde Geschichten
über das Meer -
Und ich sagte zum Wasser,
Sei nie wieder stimmlos.

Der Wind stürzte aus dem Wald heraus
lief brausend durch die Stadt
erzählte dort schräge Geschichten
über den Wald -
Und ich sagte zu Bäumen,
Seid nie wieder stimmlos.

Und ich schaute in den Spiegel
und sah den Schmerz in meinem Gesicht
und ich sagte zu mir
sei nie wieder stimmlos!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAND DES SCHWEIGENS

Manche lieben das Land
mit der Macht des Hasses
und hassen sich selbst
ob dieser furchtbaren Liebe.

Die Augen, die weg schauen,
engen sie Dich ein oder
geben sie Dir Raum? Privatraum
für deine fruchtbaren Triebe.

Wenn Selbstgespräche laut werden
hört sie trotzdem keiner.
Wenn Schweigen aber leiser wird
verstehen wir einander.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DER HERBST LÄSST LOS

Ich verzeih Dir
Und gedeih in Dir
Gerade deshalb.

Verzeihung ist Macht
Davon wissen ist Macht
Ebendeshalb.

Macht es Dich leicht
Ist es vielleicht
Der Grund weshalb

Du im Herbst gedeihst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDS DICHTEN

Schnell wird es hell
in der Nacht
Ich muss die Augen nicht mal schließen
Das mache ich nur am Tag
Die Nacht ist hell genug, Bilder fließen
wie am Band
Die Stille der Nacht ist meine Leinwand
Weiches Papier, so wie ich es mag
Stift im Griff.
Gebannt steht stockstill mein Verstand
beobachtet die Bewegung meiner Hand
Dichten ist schweigend intensiv genießen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINE GEDANKEN

Gedanken lesen tut weh
Unwissenheit ist Glückseligkeit
Macht ist eine Idee
Schweigen ist eine Fähigkeit
Kompromiss ist wie Schnee
Weder Wasser noch Dampf noch Eis
Macht ist ein Klischee
Machtlosigkeit ist ihr echter Preis.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SPIELENDE KINDER

Die blauen dünngeschnittenen Windscheiben -
Das Mädchen, wenn ihre Finger ihre Augen reiben,
sieht den Wind vorbeilaufend in allerlei Gestalt.
Nichts ist vielfältiger als die kindliche Einfalt.

Es dreht sich zum Jungen neben ihr, leidenschaftlich
erzählend von blauen Windscheibchen selbstverständlich.
Er korrigiert sie freundlich, Ja sie sind dünn
Aber blau sind sie nicht, sieh doch: sie sind blaugrün!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JETZT SCHON WISSEN

Wissen.
Ich werde Dich vermissen.
Bereits wissen. Noch bevor ich Dich finde.
Noch bevor ich mich mit Dir verbinde.

Ich habe dieses Wissen
Aus meinem Gewissen
Herausgerissen.

Nun kann ich es nicht mehr vergessen.
Und suche Dich weiter unterdessen.

Das solltest Du jetzt schon wissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung