EINE FORTLAUFENDE GESCHICHTE

Egal was wer sagt,
macht das Leben nur Sinn,
wenn jeder, der einst versagt,
erneut suchen darf den Gewinn.
Wenn jeder, der heute lebt,
gestern den Weg bereitet hat -
Und daß, wenn ein Mensch webt,
er webt zu gleich seine letzte Heimat.

Sonst macht alles keinen Sinn,
kein Woher und kein Wohin,
das Ende verdient keinen Beginn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PORTAL ALS MENSCH

Sie sehen Dein Lächeln
Ich sehe eine Pforte
Sie spüren Dein Herz
Ich spüre eine Türklinke
Sie hören Deine Stimme
Ich höre ein Tor sich öffnen

Auch ein Portal,
will es die Erde besuchen,
muß sich als Mensch verkleiden;
es begegnet uns frontal,
während wir einen Ausweg suchen
und es mißachten, belächeln, vermeiden.

Eines Tages verschließt es sich wieder,
ein Herz verschweigt seine schönsten Lieder.

Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES HÖRT NICHT AUF

Es hört nicht auf
Der Lebenslauf
Tun ist Ankauf

Der Gerechtigkeit Strahlen
So langsam sie mahlen
Einmal musst Du zahlen

Nacht ist kein Ende
Gräber sind keine Wände
Nur Reue bringt die Wende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE GERECHTIGKEIT GENANNTE LIEBE

Es wird eine Liebe in Dir aufsteigen,
grenzenlos, wissend, getüncht in Schweigen,
sonderbar, kindlich, neu und sehr eigen.

Es ist die älteste Liebe, die es gibt -
eine Treue tiefer und echter als Pflicht -
die durchschaut, versteht, aufbaut und vergibt:
Es ist die Liebe zu Gott und zum Licht.

Aber an diese Eigenart sollst Du Dich stets erinnern:
Sie läßt trotzdem niemals das Unrecht gewinnen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MAIFEIER

Riesen steigen nieder -
Ein Geräusch feiner Gefieder
melodischer als Lieder…
Ende Mai ist es wieder.

Zauber, von weit weit her,
Wunderkraft, Lebenselixier,
bringt Erneuerung zu Dir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS ÜBERGEORDNETE

Jedes Gedicht fängt mit einem kurzen Bild an,
das ich mit dem ersten Ausdruck schnell festhalte.
Jedes Gedicht fasst einen tieferen Begriff zusammen,
den ich bis zum letzten Ausdruck langsam entfalte.

Jeder Tag fängt mit neuer Hoffnung im Herzen an,
die mit der Morgendämmerung erwacht und sich regt.
Weil ich geboren wurde, trag ich in mir ein hohes Ziel
und mein Leben einen Sinn, der mich wechselwirkend trägt:

Den Willen Gottes zu finden, zu begreifen, Ihm zu dienen,
auch und vor allem in dieser modernen Zeit Ihn zu erfassen;
bei all den Herzesthemen, die uns zerreißen,
den übergeordneten Gral nie aus dem Blicke zu lassen.

Die Morgentauben grüßen euphorisch den neuen Tag -
an ihrer Inbrunst tut meine Tatkraft sich durstig laben.
Bis der Nachtgeist mich wieder in seine Ruhe hüllt,
will ich durch Erleben mehr Klarheit mir gesichert haben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINES PFEILES ZIELSCHEIBE

Ob Du es magst oder willst oder nicht
kommt der Augenblick als wär‘s seine Pflicht -
Und je länger er gärt, bevor er kommt,
desto reifer die Ernte, aus der er strömt.

Nichts, was ein Menschengeist sät,
kehrt nicht einst zurück wie ein Komet,
kommt er früh oder kommt er spät.

Denk daran, wenn Du heute böse tust -
Deines Pfeiles Zielscheibe ist Deine Brust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE TIEFERE SCHÖNHEIT

Irgendwas kommt von Oben.
Wir spüren es und können es
Nicht einordnen hier im Groben.
Wir empfangen es, nennen es
Viele Namen. Ich empfinde es
Als die Anziehung der Schönheit.
Ich bereise die Welt und finde es
In der Sehnsucht der Menschheit
Überall zum Ausdruck gebracht,
Mal mehr, mal weniger gelungen,
Als hätte Gott einmal liebevoll gelacht
Und die Kulturen haben nachgesungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEIN WORT IST WICHTIGER ALS SEIN BLUT

Alle denken an das Blut.
Aber wer denkt an das Wort?
Die wahre Erlösung beruht
nicht aufs Blut, sondern den Mut
zu leben nach dem Christuswort.

Wiederauferstehen durchs Wort,
gelebt, ist der Erlösung Attribut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERS

Ich sehe die Welt anders.
Ich sehe, daß wir mehrmals leben,
dabei Wechselwirkungen erleben,
als möchte uns das Leben vergeben,
gäben wir uns nun anders.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung