WENN DU MICH ANSIEHST

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Deutschen in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Nigerianer in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Su mich ansiehst
siehst Du nicht den Menschen in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Fremden in mir
dann siehst Du mich wirklich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

*Vielen Dank an Edith Schwarberg für die tolle Illustration!

FREMDE UND FREUNDE

Obwohl ich als Freund winkte
saht Ihr einen Fremden -
Als ich wie ein Fremder wirkte
wurden wir zu Freunden.

Ist dies die Eigenart des Fremden,
daß es uns zu Fremden macht
um Freunde zu werden?

Ist dies die Eigenart der Freundschaft,
daß sie uns zu Freunden macht
obwohl wir Fremde waren?

Wie viel von Dir, wie viel von mir,
müssen wir gegenseitig uns abgeben?
Wie viel von Dir, wie viel von mir,
müssen wir uns gegenseitig abnehmen?

Um freundliche Fremden zu werden.
Oder fremde Freunde?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ÜBER DICH

Wie kann ich Dir helfen?
Sag es mir ruhig.
Wenn Du mir weh tun willst,
ja, auch das tu ich.

Wärst Du dann glücklich?
Erkläre es mir bitte
Was gibt Dir meine Stärke
gegenüber Deine Tritte?

Denn schwach bin ich nicht.
Du darfst mich verletzen
wenn Du das brauchst
um mich einzuschätzen.

Was Du aber mit mir machst
wenn Du über mir bist,
sagt mir wiederum alles,
was über Dich zu wissen ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER ZWANG ZUR ANPASSUNG

Ich kenne die Antwort nicht
Wie liest man eines Fremden Gesicht?
Wann wird Migration zur Integration?
Wann wird Integration zu Assimilation?
Wann wird Assimilation zur Selbstverneinung?
Wann wird Selbstverneinung zur Selbstverbiegung?
Wann wird Selbstverbiegung zum Selbsthass?
Wann wird Selbsthass zum Fremdenhass?
Wann wird Fremdenhass zum Selbstmord?
Wann wird Selbstmord zum geistigen Tod?
Wann wird geistiger Tod zur Lebensnorm?
Wann wird Lebensnorm zur Ausdrucksform?
Sichtbar auf der Gesellschaft Gesicht -
Aber wie liest man eines Menschen Gesicht?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALLEINE LAUFEN

Du musst alleine laufen
wenn Du die innere Stimme hören willst
Gott wird Dich mit Alleinsein taufen
während Du aus Deinem Suchen schwillst
Deiner Stärke entgegen.
Beim sich zur Vollblüte regen
Ist Alleinsein oft ein Segen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WIE SCHWARZ UND WEISS

Wie sehr Schwarz und Weiß
sich voneinander unterscheiden,
hätte ich mir nie vorstellen können,
würde ich nicht dadrunter leiden.

Wäre ich nicht hierher gekommen,
hätte ich in glückseliger Ignoranz
mein ganzes Leben durchgelebt,
verwechselnd Demut mit Arroganz.

Vor allem hätte ich geglaubt,
und geglaubt, alle glauben‘s auch,
daß wir alle gleichsam sind,
gleichwertig jede Sitte, jeder Brauch.

Immer grosser wird die Kluft,
und die Zeit immer länger
beim neuen Treffen sich zu verstehen,
das Miteinander anstrengender.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MIT DER ZEIT

Du trägst eine Nation in Dir
Aber trägt Dich die Nation in sich?
Du trägst eine Art in Dir drinnen
Aber spiegelt nach Außen diese Art Dich?
Nur die Zeit ist Deine wahre Freundin -
Sie wird Dich noch sichtbar machen,
Lange nach dem alles was Dich nicht sieht
Verschwunden und unsichtbar geworden ist.
Sie wird Dich weiter leben lassen,
Nach dem Du längst weg zu sein scheinst.
Jeder, der mit dem Herzen lebt
Und mit ganzem Herzen strebt,
Der webt mit den Fäden der Zeit,
Der Klebt sich fest an die Ewigkeit,
Nicht umsonst ist sein Leid.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BUND DER LIEBE

Es liegt viel tiefer
als mancher denkt,
der Haß. Doch tiefer noch
liegt die Liebe, sie senkt
ihr Wesen bis in den Grund
der Volkesräson und
vervollkommnet unseren Bund.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN ORT FÜR TATEN

Es gibt eine Ecke
in der gesellschaftlichen Seele
Die siehst sie nie
selbst nicht mit der schärfsten Brille
Deines Verstandes.
Nicht mal das Herz ahnt
daß sie vorhanden ist,
diese Ecke. Nur Güte bahnt
sich den Weg zu ihr.
Taten der Güte, der Menschlichkeit,
der Selbstlosigkeit, der Freundlichkeit,
nur Handlungen öffnet der Seele
ihr Herz, ihre verschlossene Kehle
und lässt Worte - die echten, die warmen -
Form nehmen und Dich umarmen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE GANZE WELT KAM NICHT ZUSAMMEN

Die ganze Welt kam zusammen untereinander
aber anstatt sich besser zu lieben,
hat das gegenseitige Erleben voneinander
sie zu noch mehr Hass getrieben.

Internet und leichtes Reisen
beschleunigten die Verbreitung der Vorurteile;
Es fanden sich in alten Kreisen
neue Menschen zusammen in Windeseile.

Das Gesetz der Anziehung der Gleichart
wurde der Menschheit zum Fluch und Verderben;
Eine eiserne Trennung zwischen zart und hart,
zwischen innerem Leben und Sterben.

Wir dünken uns fortgeschritten
doch besser sind wir dabei nicht geworden;
Gefangen in alten starren geistigen Sitten,
künstlich intelligente moderne Horden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung