UNIFORMEN

Die Uniformen
Verdecken die Unterschiede lang genug
Bringen ihre Träger einander nah genug
Um die Unterschiede klar genug zu sehen
Jetzt sind sie fassbar genug zu verstehen
Hinter den Normen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

BAHNHOFSVIERTEL 1

Eine Wechselstube am Hauptbahnhof
Der bedrückend foulste Gestank trat ein
Alle Kunden drehten sich erschrocken um
Starrten irritiert murmelnd die Quelle an

Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase
Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase
Ein Araber drückte die Hand vor die Nase
Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase

Der Verursacher des üblen Gestanks
Holte etwas vom Schalter, ging wieder
Er war weder weiß noch asiatisch
Noch arabisch noch Schwarz

Er war obdachlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE STIMME

Der Wind stieg aus dem Meer empor
lief durch den Wald
erzählte dort wilde Geschichten
über das Meer -
Und ich sagte zum Wasser,
Sei nie wieder stimmlos.

Der Wind stürzte aus dem Wald heraus
lief brausend durch die Stadt
erzählte dort schräge Geschichten
über den Wald -
Und ich sagte zu Bäumen,
Seid nie wieder stimmlos.

Und ich schaute in den Spiegel
und sah den Schmerz in meinem Gesicht
und ich sagte zu mir
sei nie wieder stimmlos!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄHNLICH

Du kannst von Weitem kommen
Und Nähe ausstrahlen
Als hättest Du Platz genommen
In mir.

Wer wird meine düsteren Innenseiten
Mit frohen Farben bemalen
Wenn nicht Du, der gekommen ist vom Weiten
Zu mir?

Distanz, ach!, ist so trügerisch.
Trennung, ach!, ist so illusorisch.
Unsere Augen trafen sich…
Krass, dachten wir, wir sind so ähnlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEMISCHTE RÄUME

Wenn ich keine Energie habe,
ist genau das meine Energiequelle -
Schwäche so oft ist stärker als Stärke.

Multikulti erzeugt nervöse Höflichkeit.
Alle sind bestrebt, keinen Fehler zu machen -
Gezwungen wird es anstrengend.

Aber die Vorurteile sind sichtlich da,
eng angezogen wie Schichten von Bindehaut -
Fühlbar. Was machen wir mit ihnen?

Ohne sie sind wir blind.
Mit ihnen sind wir blind. Unsere Worte
sind tastende Hände auf unserer Haut:

Sie wissen nicht, was sie tun.
Trennung bindet uns, Mischung spaltet uns -
Verständnis verunsichert uns.

Aber Schwäche… Schwäche beruhigt uns.
Beflügelt uns.
Verbindet uns.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLIGKEIT SCHÜTZT NICHT VOR EINSAMKEIT

Die erdrückende Oberflächlichkeit
eines Lebens ohne Anbindung -
Sprache führt in die Tiefe. Sprachlosigkeit
verspricht ihre eigene Verbindung.
Warum reden, wenn Schweigen
der Schlüssel ist zum Aufsteigen?

Die Leichtigkeit der Bedeutungslosigkeit
ist der schwerste Druck zu ertragen.
Geselligkeit schützt nicht vor Einsamkeit -
Die Nähe der Ferne bringt Unbehagen.
Menschen, die alles zeigen,
wollen etwas verschweigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MÜHSAME BEGEGNUNGEN

Schwarz ist ein Magnet,
zieht weiße Herrschsucht an,
egal wie groß das Schwarz steht,
egal wie klein das Weiß kann -
Die Art scheint die Art zu wecken.
Geschichte war für solche nur Blut lecken.
Das Bewusstsein läßt sich nicht verstecken,
nur bekämpfen und besiegen irgendwann
in jeder Begegnung mit Frau und Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DURCH MEIN DA-SEIN ALLEIN

Ich lese so viele nachdenkliche Gedanken
in den grübelnden Augen und Blicken
die an mir vorbei gehen im Büro oder zB am Main.

Sie kommen aus einer tiefen Vergangenheit,
laufen an mir in der Gegenwart vorbei,
gehen in eine für sie ungewisse Zukunft hinein.

Was habe ich getan, um so viel Nachdenken
bei Menschen auszulösen, die mich nicht kennen,
einfach nur durch mein Da-sein allein?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZWEI STAATEN, EIN LAND

Zwei Völker
Zwei Herzen
Zwei Sprachen
Zwei Glauben
Zwei Welten
Zwei Staaten
Ein Land.

Wer reicht, wer akzeptiert, ehrlich die Freundschaftshand?
Wann gewinnt Versöhnung beiderseits die Oberhand?
Religion ist niemals des Glückes Unterpfand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERDBESUCHER

Hier bin ich doch nicht Zuhause
Die Frage ist nicht, ob ich gehen werde
Sondern wann. Eine riesengroße Erde
Voller Heimatlose suchend ohne Pause

Und findend nur mehr Heimatlose
Die wie sie nicht teilen wollen
Eine kleine Erde, die wir alle teilen sollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung