OHNE ERINNERUNGEN

Ich habe Erinnerungen
die ich manchmal lang vergesse -
Die Erinnerung an diese Erinnerungen
finde ich, ein Schwarzer Hesse,
illuminierend.
Denn sie erinnern mich
an eine Zeit, bevor es mich gab
und sie machen mich deren teilhaftig,
weil ich ihren Geist in mir hab,
neu orientierend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TEIL

Wir gehen denselben Weg -
Siehst Du mich auch? Oder denkst Du,
das ist bloß nur ein Schatten Deiner Gedanken?

Wir lieben dieselbe Frau -
Siehst Du ihre andere Hand in meiner?
Oder denkst Du, sie greift nach Luft?

Wir rauchen dieselben Idealen -
Siehst Du, wie sie mich beflügeln? Oder
Denkst Du, das ist nur Rauch da oben?

Das bin ich aber, weder Schall noch Rauch,
Teil dieses Unerklärlichen namens Moderne -
Teilträger unseres Schatzes.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLINDGÄNGER

Der Hass
Hungrig und verzweifelt
Wie ein Wolf –
Greift wild um sich, eskaliert
Von Populismus zu Populismus
Ängstlich
Weil immer mehr Menschen ihn durchschauen.
Lauter! Er wird lauter und lauter
Wie ein Rattenfänger.
Schneller! Er pfeift schneller und schneller
Und wartet wütend seit Jahrzehnten
Lebend begraben wie ein Blindgänger
Aus dem Weltkrieg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WISSEN ÄNDERT DAS BEWUSSTSEIN

Das Gesehene
Kann nicht ungesehen werden
Gehörtes kann nicht
Ungehört werden
Wissen ändert das Bewusstsein
Unveränderlich.

Ich möchte so tun
Als wisse ich nicht, wie Ihr über mich denkt -
Schwer aber, wenn Wissen
Das Bewusstsein lenkt.
Das Bewusstsein mit Bewusstsein beschenkt
Und damit einschränkt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTBESTIMMUNG

Du kannst mir nicht sagen
Wie ich heiße.
Wenn Du das nicht weißt
Dann weißt Du erst recht nicht
Wie ich heiße

Denn wie kannst Du wissen
Wie ich heiße
Wenn Du nicht weißt
Wer ich bin
Was ich bin

Wo ich gerade bin auf meiner Reise
Und warum?
Vor allem weißt Du nicht
Wie ich es bis hierher schaffte
Und warum ich nicht mehr zu stoppen bin

Auch nicht durch die Begrenzung
Einer fremdbestimmten Bezeichnung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIESELBEN GEDANKEN

Du siehst anders aus als alle anderen
Läufst in der Menge mit allen anderen
Denkst die selben Gedanken wie alle anderen
Was bist Du?

Deine Tausend Hintergründe lenken ab
Von dem Wesentlichen im Vordergrund
Du Mensch unter Mitmenschen, gleichartig -
Das bist Du.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN WIR

Die Wir Frage
Wie eine Nachtblume
Wächst und wächst und wächst in mir -
Bruder, wo ist Dein Wir?

Ist es eine Erweiterung deren Wir?
Oder liegt es jenseits dessen?
Das Wir, das Ihr gemeinsam aufbaut,
Bist Du ein Teil von ihm?
Bruder, wer ist Dein Wir?

Ist es Mensch oder Sache?
Hat es Abstände und Abteilungen inne?
Ein Wir unter uns und ein Wir nebeneinander?
Geht es von mir aus oder wartet es auf mich?
Ergänzen oder spiegeln wir uns?
Bruder, was ist Dein Wir?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABSTURZ

Es sind mehr Menschen von Armut gefährdet
Als Ihr denken würdet
Ein Tag vor dem Absturz wirken sie stolz und stark
Ein Tag danach schlafen sie das erste Mal im Park
Entwurzelt, nimmer mehr geerdet
Hoffend, bin bestimmt bald wieder autark.

Ins Loch rutschen, das geht schnell
Wieder heraus klettern schwer ohne Gestell
Schwer ohne System offen dem Appell.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

ICH HÜTE EINEN TRAUM

Täglich die Welt zu umfassen
Täglich die Welt wieder zurück zu lassen
Täglich zu sein ein Teil der Massen
Ohne zu gehören irgendeiner ihrer Klassen
Was bin ich? Ich hüte einen Traum
Und suche das Land mit dem passenden Raum
Um dort zu pflanzen den Friedensbaum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUM SPÄTER VERSTEHEN

Ich bin gekommen
Und werde gehen
Doch erst lange nach dem
Ich wieder gegangen bin
Werde ich bei Euch ankommen.

Dann werde ich nie wieder gehen -
Aber auch nie wieder kommen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung