KINDESWOHL

Wer passt auf Dich auf,
wenn Du ein Kind bist?
Wer sieht die Gefahren im Voraus,
eher Du auf sie triffst?
Wer beschützt Dich?

Wenn Dein Ball in eine Autostrasse fliegt
und Du ihm hinterher schießt..
Wenn Du auf einer Wiese spielst
und neben Dir ein offener Brunnen ist
ohne eigene elterliche Aufsicht.
Wer sonst beschützt Dich?

Und Erwachsene laufen vorbei –
Einige hocken am Fenster nebenbei –
Keiner macht einen Aufschrei.
Manche sehen die Gefahr nicht,
manchen ist es, unglaublich, egal.
Manche bangen aber trauen sich nicht,
fremde Kinder anzusprechen. Denn, ob legal?
Ob ideal? Jede Entscheidung ist vielleicht fatal.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERGEBLICHES BABEL

Der Herrenmensch
ringt in sich mit Mensch
Wird ihm nicht Herr

Einen Körper teilen
zeigt sich in den Körperteilen
die das Innenleben mitteilen

Ein Blick in die Augen reicht
um seinen Kampf zu sehen
gegen die Ewigkeit!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER AM ÄUSSEREN RANDE LEBENDE

Der am äußeren Rande lebende Mensch
denkt, daß das, was er äußerlich sieht,
alles ist, was er ist, Essenz seiner Existenz,
sieht nicht, was durch alle seiner Schichten zieht,
ein unsichtbarer Faden gewurzelt in seinem Geist,
der niemals zerreißt.

Der am äußeren Rande seiner Persönlichkeit
lebende Mensch sieht nur sein Äußeres:
körperliche Merkmale, Kultur, Stand, Gesundheit,
Zustand seines Erdenlebens. Doch unser Inneres,
Deine und meine, sehnt sich nach dem Höheren
in unserem Inneren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR SIND NICHT DUMM

Wir sind nicht dumm.
Diesen Satz versteht Ihr
Noch nicht.

Wir sind nicht stumm.
Unser Gerede versteht Ihr
Nur nicht.

Wir sind nicht krumm.
Euer Spiegelbild versteht Ihr
Nun nicht.

Warum versteht Ihr uns nicht?
Es spricht sich herum -
Summa Summarum
Habt Ihr dazu nicht den Mumm.
Darum versteht Ihr uns nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSUCH ES

Versuch es -
Begegne dem Fremden
als würdest Du einem Menschen
begegnen.

Versuch es -
Begegne einem Menschen
als würdest Du einem Fremden
begegnen.

Wie Du in den Wald hinein rufst
so schallt es wieder heraus.
Nah oder fern, bist Du unter
Menschen, bist Du zu Haus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERWANDT

Wir saßen gegenüber voneinander
in der vollen Straßenbahn,
Einander ähnlich in den Augen aller,
die uns in der Ecke sitzen sahn,
Und doch getrennt durch eine unsichtbare
Kluft, die ich deutlich ahn.

Du hier geboren und sozialisiert,
ich in einem afrikanischen Land.
Ich versuch, Deine Augen zu treffen,
doch Dein Blick bleibt abgewandt.
Ich steige bald aus, Du fährst weiter -
wir bleiben einander unbekannt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN ZWISCHENDING

Der Winter ist noch da
und schon vergangen
Wie kann das sein?

Der Frühling ist schon da
aber noch nicht erschienen
Sein ist nicht Schein.

Die Ehe ist noch da
und längst zu Ende
Zusammen ist jeder allein.

Der Weltkrieg ist schon da
aber noch nicht ausgebrochen
Wirklich? Aber jein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GENERATIONENÜBERGREIFEND

Wir fangen bei jeder neuen Generation
wieder von Null an,
als hätten wir nicht bereits
in der jeweils vorherigen Generation
alles gegen Hass getan
und seinen Anpassungsanreiz.

Sisyphus war kein Mensch,
er ist die Menschheitsgeschichte -
Die Hartnäckigkeit unserer Tendenz
zu reinkarnieren unsere Bösewichte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAHRE ANTWORTEN

Viel zu viele Füße
tasten laufend über meine Fragen
ohne Antworten anzubieten
die mir mehr als das Gesagte sagen.

Wer mit reden will, muß mehr sagen
mit weniger Worten
als mehr Worte hätten sagen können
in mehr Sekunden, Minuten, Tagen.

Es ist die Stunde der Wahrheit.
In jedem Lande, an jedem Orte
zeigen Menschen und Völker ihr Gesicht
denn Taten reden lauter als Worte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEWISSEN OHNE HAFT

Das Politische ist der Brückenkopf,
löst aber selbst das Problem nicht -
Liefert nur das, womit die Volksseele
ihn erfüllt, ist also nur sein Angesicht.

Ist es hässlich, ist es wahr.
Ist es menschlich, ist es wahr.
Ist es zwiegespalten, ist es wahr.

Die Politik hat die Macht.
Die Gesellschaft hat die Triebkraft -
und sie ist aufgewacht,
hin und hergerissen, Gewissen ohne Haft.

Ist es hässlich, ist es wahr.
Ist es menschlich, ist es wahr.
Ist es zwiegespalten, ist es wahr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung