DAS UNAUSGESPROCHENE

Es liegen verschiedene Schichten
der Höflichkeit aufeinander
nein übereinander
nein untereinander

aber niemals nebeneinander.

Denn alle warten darauf,
daß Du ihrem Weltbild
letztendlich doch noch entsprichst –
dann werden sie höflich schmunzeln.

Doch unhöflich wie Du bist,
entsprichst Du weiter Deinem Selbstbild
und schmunzelst, wie sie verärgert
höflich weiter heucheln.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄHE TRENNT

Man sieht so viel äusserlich
Erkennt so wenig innerlich
Umarmt die Welt geschwisterlich
Bleibt auf Abstand freundlich
Reicht sich die Hand höflich
Aus der Distanz
Denn die Welt entfremdet sich täglich.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR SIND DRAN

Dieser Moment
Wenn der Pfad würgt…
Wenn die Brücke
mit einem Fragezeichen im Gesicht
stehen bleibt…
Wenn heute unruhig wird, denn
es wurde noch nicht geschwängert
von Dir mit Morgen…
Wenn die Wand fällt, denn sie war eine Illusion
und dahinter… nichts steht…
Wenn Du nach Deinen Anführern und
Deinen Wegweisern suchst, aber
es steht keiner mehr vor Dir…

Dieser Moment,
Wenn Du realisierst, daß
es nun an Deiner Generation liegt,
die Zukunft der Menschheit zu bestimmen –
das nächste Kapitel einer jahrtausendelangen Geschichte
zu schreiben –
die Weiterentwicklung unserer Zivilisation zu sichern.
In diesem Moment wirst Du
zum ersten Mal richtig geboren.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS KOMMT AN?

Wie viele Gespräche
münden in einen Koalitionsvertrag?
Oder wie wenige?

Überall in der Gesellschaft wird gesprochen –
Sind das die Gespräche,
die sich dort widerspiegeln?

Überall in der Gegenwart wird gehofft –
Sind das auch die Hoffnungen,
die in der Zukunft sich erfüllen?

Wieviel Gegenwart kommt in der Zukunft an?
Wieviel Gesellschaft kommt in der Politik vor?
Wieviel Wahrheit kommt in Gesprächen rüber?

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE ERREICHBARE HEIMAT

Das Paradies ist gar nicht fern –
Es lebt in den Lächeln und Grüßen,
die in der S-Bahn und den Bussen
und in den Straßen nicht getauscht wurden.

Es wartet in der Rücksicht
und in der Hilfsbereitschaft,
die zwischen den Bürgern verweigert wurden
weil die anderen doch nicht so sind wie wir.

Es versteckt sich in dem Grundgesetz,
in dem unsichtbaren Verzahnungspunkt
zwischen Kapitalismus und Sozialismus
und findet nicht genug menschliche Austräger.

Das Paradies ist gar nicht fern
Es ist immer, ist nachhaltig, ist da –
… und wartet nur darauf, verstanden,
zugelassen und gelebt zu werden.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FARBE

Farbe ist überbewertet
Sie vereint Feinde
und trennt Freunde.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GERECHTIGKEIT

Die Nacht bringt die Stimmen nicht zum schweigen
Der Tod bringt kein Ende dem Leiden
Der Haß kann die Sehnsucht nicht vertreiben

Die Stimmen der Getöteten
Das Leiden der Hasserfüllten
Die Sehnsucht nach dem Licht
der Gerechtigkeit.

Nur Gerechtigkeit ist Liebe.
Ohne Gerechtigkeit, kein Frieden.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSCHARF

Ausgelaugt, abgenutzt
liegt das Land ermattet, weich –
Die Republik ringt mit dem Reich.
Die Nation hat beide links und rechts gestutzt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREMDSEIN IST WENIGER WOANDERS SEIN

Du musst stark sein, Fremder
denn fremder als die Länder
und als die irdischen Gewänder
ist das Unbekannte im Bekannten,
das falsch Beschriebene im Benannten,
das ungerecht Getroffene im Verbannten.

Fremdsein ist weniger woanders sein,
sondern sogar Zuhause innerlich anders sein
und angeblich oder zwanghaft besonders sein
müssen um normal zu scheinen,
zu vertauschen lachen mit weinen,
im Unreinen mit Dir zu sein im Reinen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ZWISCHEN GENERATION

Und die Gesellschaft
schwankte zwischen Links
und Rechts, zwischen gerade und
krumm, zwischen Vergangenheit
und Zukunft, zwischen uns und
ihnen, zwischen ‚alle‘
und ‚ein Teil‘, zwischen Sorgen und
Hoffnung, zwischen Zwischen
und Außerhalb…
wie ein Herz am Ende einer alten Beziehung
und vor dem Beginn der nächsten…
– in ihren Augen sind Fragen geschrieben
– in ihrer Seele streiten alte und neue Vorlieben
– in ihren Gedanken ist sie forschend geblieben
– in ihrem Geiste ist sie von Träumen getrieben.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung