PARALLELWELTEN

Sie treiben zusammen
wie Öl auf Wasser
im Glas – Parallelgesellschaften –
Und wen Du fragst, sagt Dir ja
sie leben zusammen
Und wen Du fragst, sagt Dir nein
sie leben getrennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEUTSCHER FRÜHLING

Ich rieche im Anflug den deutschen Frühling
Er riecht wie eine Erinnerung an etwas, was noch nicht geschah
Ein bißchen wie das Dejavu, wenn der Tag das bringt
was in der Nacht im Traum bereits geschah.

Ich höre im Anmarsch den deutschen Frühling
Ich meine nicht die Vögel, deren Namen ich nicht kenne
Ich höre den ungeduldigen Ton beim Reden und Lachen
Ich höre die Ungeduld in den Schritten, als würden alle rennen.

Ich sehe in jedem Augen-Blick den deutschen Frühling
Ein Erwachen der Einsicht in eine neue Erkenntnis
Deutschland als Deutschsein erfindet sich neu, ständig
Und ist mehr als die Summe bisheriger Erkenntnisse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFALT

Die Vorhänge zwischen den Emotionen
fallen wie gefaltete Farben, wenn sie zögernd
ihre gebrochene Farbtonleiter sich herunter tasten,
die eine Farbe suchend, die nicht existiert.

Es gibt zu viele Zwischenlieder –
Mitglieder der menschlichen Familie –
Wo höre ich auf? Wo beginnst Du?
Unser Vielfalt, wie ein Überraschungsei,
zaubert tägliche neue Farben ans Licht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUKUNFTSWEISEND

Fahrräder ohne Fahrradwege
Schulkinder ohne Schulwege
Kinder ohne Hortplätze
Ortsschulen ohne Plätze
für Erstklässler und Fünftklässler
aus dem Ort –
Wir wachsen und wachsen und wachsen
und schrumpfen und schrumpfen und schrumpfen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHEN ÜBERALL

In Asien suchte ich Asiaten
In Arabien suchte ich Araber
In Europa suchte ich Europäer
In Amerika suchte ich Amerikaner
Und selbst in Afrika suchte ich Afrikaner

Und war beinahe irritiert
verwirrt
frustriert
Denn überall fand ich nur
Menschen.

Menschen Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERS GEFÄRBT

Deine Farbe
entzieht sich meiner Fähigkeit,
Farbe Farbe einordnen zu können
denn Du bist nicht braun
und Du bist nicht schwarz
Du bist nicht beige
nicht grau, nicht grün
nicht dunkel, nicht hell
Du bist das, was ich ahne
bevor ich überhaupt an Farbe denke –
Und sobald ich anfange, an Farbe zu denken
verschwindest Du wieder.
Was bist Du?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGENDRUCK

Habt Ihr es gemerkt?
Das Dunkel weckt das Licht
zur Gegenwehr.
Das Böse entlockt dem Guten den Schrei:
Wir sind mehr. Immer mehr.
Rassismus verwandelt seine Opfer
in ein unbesiegbares Heer.
Habt Ihr es gemerkt?
Unsere Feinde haben uns gestärkt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HANAU UND WIR

Schüsse so laut!
Sie gehen der Stadt
unter die Haut!
Mitbürger,
uns vertraut…
Uns von einem Rassisten
in der Nacht geklaut.

Schaut! Schaut! Schaut!
Immer noch keine Polizisten –
Es hat sich leider gestaut
an all ihren Leitungen.
Uns einfachen Zivilisten graut
es davor. Doch rassistische
Strukturen gehören endlich abgebaut!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUSZÜGE AUS MEINEM LEBENSWEG

Ich zog meine schwarze Haut aus
und dadrunter war eine weiße
Ich zog meine weiße Haut aus
und dadrunter war eine rote
Ich zog meine rote Haut aus
und dadrunter war eine braune
Ich zog meine braune Haut aus
und dadrunter war eine gelbe
Ich zog meine gelbe Haut aus
und dadrunter war,
wieder,
eine schwarze.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER SELBSTTÄUSCHENDE RASSISMUS

Der Rassismus ist ein blinder Fleck.
Die rassistischsten merken es nicht
oder wollen es nicht merken;
In ihren Schwächen
preisen sie sich ihre Stärken;
Doch erkennen werdet Ihr sie
an ihren Werken:
Fremden weh tun ist versteckt ihr Daseinszweck.
Und das sind die Besten.
Was mag denn stecken in den Resten?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung