MIGRANTEN

Wie schmerzvoll es sein muß
für einen Baum,
seine Wurzeln mit Gewalt aus zu reißen
aus der Heimaterde –

Wie schmerzvoll es sein muß
im neuen Lebensraum
seine Wurzel hineinwachsen zu lassen
in harten fremden Boden.

Wenn Du einen Baum auf der Reise siehst,
auf seinen nackten Wurzeln zu Fusse gehend,
denk bitte an den Schmerz der alten Trennung
und denk an den Schmerz der neuen Bindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN GEDULDETES SEIN

Duldung.
Klischee innewohnend ich nicht versteh.
Anhaftende Anschuldigung.
Wer kam auf die Idee,
das Bleiben-dürfen eines Mitmenschen
als eine Duldung zu bezeichnen?
Wer kam auf die Idee,
die Würde eines Menschen zu nehmen
und im Schutz-gewähren ihn zu schämen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDS

Ich brauche es
abends
in die Leere meiner Seele
lange zu blicken

und dann
nach einer Ewigkeit des Wartens
zu sehen, wie mein Geist von tief drinnen
Bilder an mich zurück schickt

Alles, woran
ich heute flüchtig dachte
ohne zu merken, daß ich daran dachte
es kommt alles zurück

Flüchtlingskinder, die
vergeblich auf ihre Eltern warten…
Ob meine Kinder – und womit –
geimpft werden

Ab wann Ausländer – egal wo –
Wahlrecht haben dürfen…
Und wo ist mein Bruder heute, der
vor sechsundzwanzig Jahren starb?

Dann ist der Abend vorbei
und ich steige aus meiner Seele
wieder heraus
und das war mein Tag heute.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MOMENT AUFNAHME

Ich bin nur ein Passant
Deshalb werfe ich mich so ganz
in das hiesige Geschehen
denn ich möchte Euch in meinem Herzen mitnehmen
wenn ich weiter gehe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUCH GLEICHART

Du magst denken
Ich sehe nicht aus wie Du
Dennoch
Ich kann Dich repräsentieren
denn ich muss nicht so aussehen wie Du
um die Dinge so zu sehen wie Du
und für die selben Dinge aufzustehen wie Du –
Selbst Du musst das einsehen.

Was ich Dir abverlange,
das verlange ich auch mir ab
und das biete ich Dir ganz an:
Tiefer zu blicken als Deine Farbe
Mehr zu sehen als Deine Herkunft
Weiter zu spüren in Dich hinein
als Deine Orientierung,
sondern spüren bis in Deinen Geist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBST IST DAS ZIEL

Wir gehen
Wie eine Generation ohne Moses
Wir trotzen trotzdem der Wüste
Uns wurde kein Land verheißen
Wir tragen es in uns
Und sind selbst seine Verheißung
Und die ganze Welt, wie ein rotes Meer,
Teilt sich vor uns auf
Und teilt aus
Doch keiner kann uns stoppen
Denn wir sind die Generation ohne Moses
Und keiner weiß, wo wir hin wollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURT

Lang trug ich meine Heimat
wie eine ungeöffnete Reisetasche
auf meinem Rücken

Unbequem und unbequem machend
Stach ich in jeder Menschenmenge heraus
Denn ich wollte mich nie bücken

Schmerz ist ein Auseinandersetzen mit Freude
Einsamkeit ein Ringen mit Gesellschaft
Davor kann sich kein Ankömmling drücken

Doch auch die Morgendämmerung kommt irgendwann an
und die Stadt, die Dir einst so schwer war,
wird Dich zum Schluß beglücken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEIDNACHTEN

Während wir Geschenke auspacken
packen sie sich in Cartons ein.
Das Licht unserer Weihnachtskerze
reicht nicht bis nach Moria.
Und vielen anderen Orten.

Dann fange ich an, zu zu hören…
Ich lausche der Musik der Weihnachtsbäckerei
Ich schenke meine Ohren dem Wind
Und dem Gast den bitteren Wein,
doch die Stimmen aus Moria sind zu weit weg.

Ich höre sie nicht.
Denn es ist Weihnachten.
Fest der Glücklichen und der Freudigen.
Erwachsener stopfen sich voll, und versuchen
nicht zu denken an hungernde Kinder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUMENSCH

Ich bin hart
wie eine scharfe wunde Kante
und schieb gegen die Grenze einer Klischee
und verschieb Dein Weltbild
einzig und allein durch mein Da-sein.

Wie das Jahr kurz vor Silvester
Wie der Morgen kurz vorm Sonnenaufgang
Wie eine Empfindung, kurz bevor sie Gedanken erweckt
Steht die Welt heute vor Veränderung –
Und WIR sind die Veränderung, Du und ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSERE WAHREN GESICHTER

Die Masken machen eh keinen Unterschied
Wir hatten sie immer an.
Und selbst nach dem das Virus gebändigt ist
Bleiben die Masken – wie immer – an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung