EIN BISSCHEN VON UNS

Ich atme die Welt ein
aber auch wieder aus,
Rausgehen ist mein
Weg wieder nach Haus.

Ein bisschen von Dir
ist genau das, was
ein bisschen von mir
brauchte doch vergaß.

Waren wir einst eins
im fernen Paradiese
unbewussten Daseins?
Die Absicht ist diese:

Heraus in die Welt!
Hinein in einander!
Zurück kehren erhellt
an und durch einander!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUES IST IMMER AM GAREN

Der Mensch, der kam, und
der Mensch, der ging, waren
zwei verschiedene Menschen -
Jemand neues ist immer am Garen.

Die Zeit, die Wunden heilt, sie
verwundet auch, sie teilt die
Menschen wie ein Keil und nie-
mand weiß ganz genau wie.

Aber irgendwann ist alles verändert -
Zum Teil ist es erschütternd
Zum Teil ist es ernüchternd
Zum Teil ist es erleichternd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IMMER WEITER

Sie war die Anomalie
Die sich selbst nicht begriff.
Egal wie nah sie
Anderen kam, wie ein Schiff
Ohne Anker an einem
Hafen ohne Landungssteg
Gab’s Verbindung mit Keinem
Und sie trieb wieder weiter weg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AM FALSCHEN ORT ZU SEIN

Der Abend wieder
Ich mache erneut Pause
Und lege mich nieder
Wo immer ich Zuhause
Heute gefunden habe
In meiner Lebensreise
Erst war ich ein Knabe
Unterwegs zum Greise
Jeden Tag ein bisschen
Weiter gekommen
Jeden Tag einen andern
Umweg genommen.

Am falschen Ort zu sein
Ist nicht falsch zu sein
Wenn er, und er allein,
Korrigiert Dein Bewusstsein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERWANDT

Wir saßen gegenüber voneinander
in der vollen Straßenbahn,
Einander ähnlich in den Augen aller,
die uns in der Ecke sitzen sahn,
Und doch getrennt durch eine unsichtbare
Kluft, die ich deutlich ahn.

Du hier geboren und sozialisiert,
ich in einem afrikanischen Land.
Ich versuch, Deine Augen zu treffen,
doch Dein Blick bleibt abgewandt.
Ich steige bald aus, Du fährst weiter -
wir bleiben einander unbekannt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RUHE IM TUN

Nichtstun kann man nicht tun.
In Frieden kann man nicht ruhen.
Ruhen Deine Füße in Deinen Schuhen,
ruft die Unruhe: Beweg Dich nun!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WELT IST NICHT GROSS GENUG

Die Welt ist nicht groß genug
Der Geist, er trachtet nach Unendlichkeit
Die Welt ist nicht alt genug
Der Geist, er versteht nur die Ewigkeit

Und fliegt und fliegt und reist und reist
Erschöpft sich an der materiellen Schöpfung
Doch die Welt ist nicht reichhaltig genug
Und er findet nirgends seine Befriedigung

Außer an diesem einen Orte
Bühne des innersten innigsten Geschehens
Tief in seinem eigenen Geiste
Blüht der Bruchteil eines tiefen Ahnens

Dort, wo er den Drang findet
Zum Geben in wahrer Selbstlosigkeit
Dort wo er die Verbindung empfindet
Zur Erkenntnis Gottes unerreichbarer Heiligkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WO DU UNZUFRIEDEN BIST

Unruhe!
Der Tag ist ein Tausend Glasstücke
ein Hundert Fenster, ein Boden voller Türen
Ich finde meine Ruhe nicht. Keine Lücke
keine Brücke, keinen Weg hinaus
aus der Ruhelosigkeit. Unterdrücke
mich nicht!, lacht der Bewegungsdrang -
Wo Du unzufrieden bist, da geht‘s manchmal lang!
Also: Ruhe!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERKENNTNISSE EINES HERUMREISENDEN

Wir gehen runter
und tauchen auf -
Jede Altstadt wird bunter
beim neuen Umlauf.

Die Strassenstimmen
in unterschiedlichen Sprachen -
Und dennoch, sie stimmen,
ob sie weinen, ob sie lachen,

stimmen sie überein
mit allen Strassenstimmen weltweit.
Die innere Stimme ist niemals allein
Inmitten der Menschheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN SCHNEE EINEN FLUSS BERÜHRT

Wenn Schnee einen Fluss berührt
Wie Gedanken zurückgeführt
Zum Ausgangsort und -zustand
Durch der Natur unsichtbarer Hand,
Denke ich darüber nach:
Ob Meer oder See oder Bach,
Ort des Geschehens bleibt gleich,
Weiher, Fluss, Ozean oder Teich,
Eisig und hart, flüssig, durchlässig, weich,
Es ist alles das magische Wasserreich,
Wo alles stets in Bewegung bleibt,
Mit und gegen alles fließt und sich reibt,
Ständig ankommt, ständig weitertreibt -
Ne, Ort des Geschehens bleibt nimmer gleich.

Kein Gedanke kehrt unverändert zurück
Zum unveränderten Entstehungsheim.
Schlimmer oder besser geworden ein Stück
Findet sich alles wieder zusammen im Schlussreim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung