FERN VON GESTERN

Ein langer Weg trennt mich vom letzten Jahr.
Seltsam, es war ja erst gestern -
Doch die Nacht, der Schlaf, die tausend Träume
zwischen den Mitternachtsglocken und dem Morgenstern
waren eine riesengroße weitenumspannende Brücke,
ein großer steinerner Bogen, über den ich schritt
wie ein Reisender auf der Suche nach Klarheit und Glücke
von Gipfel zu Gipfel sich tapfer durchkämpft
über Täler und Schluchten und tiefe, weite Klüfte
stets die Gegenwart sucht. Gestern war vor tausend Jahren,
letztes Jahr ist vergangen. Seelenfenster auf! Ich lüfte!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINFACH WEITER SCHREIBEN

Das Gedicht endete so schnell,
So plötzlich, brauchte keinen Reim,
Ein Leben, intensiv und hell,
Bald ist der Geist wieder Daheim.

Meine allergrößte Schwäche
Ist die lebenslange Unfähigkeit,
Zuzugeben meine größte Schwäche:
Die unheilbare Einsamkeit.

Kein Fremdland kann einsetzen,
Was in der Heimat fehlt -
Kein Fremdgang kann ersetzen,
Was Dir die Ehe stehlt.

Und währenddessen endet
Das Gedicht insgeheim.
Dein Schmerz hat Dir geblendet -
Es hatte doch seinen Reim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WECHSELJAHRESZEIT

Wie Du schneist, schmilzt
Erfrierst dann taust
Meine Neugierde erhitzt
… desinteressiert schaust.

Dein Winter ist warm
Deine Wärme ist kalt
Deine Kälte ist lauwarm
Sehnsucht ist ihr Inhalt.

Fremde kommen und gehen
Das ist ihre Eigenart
Auf Wiedersehen…
Heute hart, morgen zart…

Der Herbst geht in den Winter
Zögerlich ein
Liebe steckt dahinter
Gnadenlos, rein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄHNLICH

Du kannst von Weitem kommen
Und Nähe ausstrahlen
Als hättest Du Platz genommen
In mir.

Wer wird meine düsteren Innenseiten
Mit frohen Farben bemalen
Wenn nicht Du, der gekommen ist vom Weiten
Zu mir?

Distanz, ach!, ist so trügerisch.
Trennung, ach!, ist so illusorisch.
Unsere Augen trafen sich…
Krass, dachten wir, wir sind so ähnlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALS WÄREN SIE FREMDE

Als wären sie Fremde
blicke ich auf vier Menschen zurück,
unterschiedlich wie die vier Jahreszeiten -
jeder von meiner Vergangenheit ein Stück.

Einst kannte ich sie,
heute betrachte ich sie auf alten Bildern
und im Gedächtnis wie verstorbene Freunde -
anders kann ich das nicht schildern.

Wie die Zeit und die Welt
uns unmerklich doch sicher verändern -
Kinder wachsen, Freunde gehen,
wir finden Nähe in entfernten Ländern

und lernen leben als Fremde an deren Rändern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS KOMMT DANACH?

Was kommt danach?
Wie sieht es aus?
Ich habe es vergessen.

Sicher gibt es Seen und Matten
und Berge und Bäume und Menschen -
Aber gibt es Palmen und Zypressen?

Wenn ich mich recht erinnere
gab es bei Durst Schönheit zum Trinken,
und bei Hunger Wahrheit zum Essen.

Ich seh einen Hain und eine Bank,
vage, unscharf, aber mich dünkt‘s,
ich habe dort schon mal gesessen.

Ich sehe auch das Gesicht
eines Menschen, er sitzt neben mir.
Aber wessen Gesicht ist das? Wessen?

Ein guter Freund, ich spüre es.
Von vor langer langer Zeit. So lange her,
ich kann es mit Verstand nicht messen.

Nur seelisch spüren. Ein Ort der Güte,
wo die Geister sich gegenseitig
nur Gutes aufs Gemüt pressen.

Was kommt mir nach der Erde,
nach Nigeria und Deutschland,
nach Biafra und Lagos und Hessen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERDBESUCHER

Hier bin ich doch nicht Zuhause
Die Frage ist nicht, ob ich gehen werde
Sondern wann. Eine riesengroße Erde
Voller Heimatlose suchend ohne Pause

Und findend nur mehr Heimatlose
Die wie sie nicht teilen wollen
Eine kleine Erde, die wir alle teilen sollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAUCHEN AUF GUT GLÜCK

Ein Tag mehr
Ein Tag weniger
Macher bereuen wenig
Träumer bereuen mehr

Lass die Tage nicht leer zurück
Ein Tag ist ein Tauchen auf Glück
Je tiefer, desto belohnender
Oberflächlichkeit ist abtötender

Du wirst sterben
Befreie Dich von JEGLICHEM äußeren Zwang
Hinterlasse heute auf Erden
Deinen eigenen inneren Schwanengesang

Ein Tag mehr
Ein Tag weniger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER ERSTE

Nächster Halt:
Der Nächste halt.
Nächster, halt!
Gib mir Wärme, mir ist kalt.

Aber er hält nicht, der nächste,
Denn er ist genauso wie der letzte.
Der, den ich wirklich finden muss
Schreitet in meinem eigenen Fuß.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUER WEG

Viele Wege kreuzen mich
Gleichzeitig
Als stammen sie alle von mir
Ursprünglich
Sie führen aber nicht alle zu mir
Letztendlich
Denn ich veränderte mich
Zwischenzeitlich.

Ich erkenne sie alle
Aber ich kenne sie nicht mehr alle
Ich kenne nur mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung