Ich habe Afrika in Afrika verloren und in Europa wieder gefunden. In mir. Europa fand ich nie. Wie eine Geschichte, die immer weiter erzählt wird doch niemals so existierte. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
über Wanderung und Bewegung
DRAUSSEN
Lohnt es sich? Der Gang nach Außen. Der Ausflug ins Fremde. Die Trennung von Zuhause. Auf Deiner Haut fremde Hände. Aufleben oder Pause? Anfang oder Ende? Drinnen findest Du draußen, während ich mich von mir entfremde. Hoffentlich lohnt es sich. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BEWEGLICHE STILLE
When ich Dich berühre, sonderbar, berührt es mich. Doch warum, wenn ich mich finden will, verlasse ich jedes Mal Dich? Stopp! Komm nicht näher! Du darfst mir nicht folgen in die Klamm, verstehe mich richtig Ich gehe, weil ich komme, immer wieder - Halte Dich nur klamm. Sei mein Ende Meine Wege sind viele und unergründlich Lass mich ruhig gehen Alles hat ein Ende, warte dort auf mich denn am Ende gibt es nur Dich. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TEL AVIV
Palmen wehen wedeln winken im Wind tauchen in der Ferne auf Psalmen singen ringen klingen in meinem Herzen drin tauchen aus einer Erinnerung aus an die ich mich nicht erinnern kann. Ich suche mein Gedächtnis gründlich ab wandle wie in einer Wüste mit Wanderstab von einem zum nächsten leeren Grab… Der Geist wanderte aus ihnen schon lange aus; kehrt er zurück, angezogen, dann als neuer Mann. Die Straßen Tel Avivs sehen aus wie die Straßen von Hunderten von Großstädten der Welt, voller menschelnden Menschen in der Art von Hier und Jetzt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung




TÄGLICH DICHTEN
Täglich dichten hat mir beigebracht, egal wie schön der Tag war oder die Nacht, mich zwingen zu können, Gestern zu beenden, mich der Rätsel widmen von Heute ausgedacht, den Empfindungen, die heute in mir trenden. Gestern verlassen fällt mir täglich heute schwer, bringt mir doch der Tag jeden Tag immer Mehr, mehr von mir, und mehr von Weniger von mir, häufig war ich zum Tagesende völlig leer des Alten, und voll mit neuem Lebenselixier. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
JENSEITS IST DIESSEITS
Ich träumte, ich drehte mich um und sah Dich um mich trauernd, mich vermissend. So fiel es mir ein, oder auf, daß ich Dir wohl irdisch verstorben war und längst beerdigt. Ich mußte es zwischenzeitlich vergessen haben, den Tod und die Beisetzung, denke ich, denn alles, was ich weiß, ist, daß ich hinüber und weiter gegangen bin. Ich, unverändert, und immer noch am Leben. Und lebend sein fühlte sich, wie auf der Erde, so normal an.
Du warst dennoch so weit weg. Doch sah ich Deine Trauer wie eine Kerze im Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite unter der Brücke. Und Du warst selbst die stete brennende Kerze. Oh, wie ich Dich trösten wollte… Aber Du hörtest und sahst mich nicht wie früher. Das war‘s, was weh tat.
So entschloss ich mich, Dir ein letztes Gedicht zu schreiben, denn Du warst immer die erste, die meine Gedichte lass, und hast sie immer tief empfunden. Sicherlich würdest Du diese auch empfangen und empfinden, wenn ich sie Dir aus dem Dir Jenseits mir Diesseits sende … oder leise vorlese…, dachte ich, hoffte ich. . Es war mir selbstverständlich aber wissen wusste ich es ehrlich gesagt nicht. Mehr konnte ich aber nicht mehr tun.
Also fing ich an, dieses Gedicht zu schreiben:
Auch wenn Du denkst, ich bin gestorben,
bin ich Dir viel näher, als Du denkst…
Gleichzeitig näher und weiter als Deine Gedanken,
ganz egal, wie wo Du sie hin lenkst…
Ich will aber, daß Du Dich umdrehst
und Dich Deinem Erdenleben voll widmest;
Dein Weg empor in unser Ziel liegt wie Stufen
in jedem Moment, in dem Du irdisch noch atmest.
Und dann wachte ich aus dem Schlaf auf und siehe da, es war ein Traum. Und das Leben fühlt sich, wie immer, normal an, egal in welcher Zeit und in welchem Raum.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ERINNERUNG UND VERÄNDERUNG
Ein Mann lief wie ein Pfad durch den Wald und verlor an jeder Wendung den Blick zurück in seine Vergangenheit - Geblieben ist lediglich Erinnerung. Denn er verlor Freunde, engste Freunde, ersetzt durch bittersüße Erinnerungen - Manche meinen, Freunde wären wertvoller als bloße Erinnerungen an tote Verbindungen. Doch dieser Mann, er sieht das anders. Menschen, wenn sie bleiben, verändern sich; Sie bleiben gleich, nur wenn sie gehen, verbleiben in der Erinnerung unveränderlich. Keine zwei Menschen, einmal getrennt, trafen sich je wieder. Oder selten. Freunde trennen sich, Fremde finden sich. Erinnerung und Veränderung. Zwei Welten. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FLUGHAUFEN
Flughaufen. Die Welt am Laufen. Die Ferne kann man kaufen, Nähe nicht. Ein Haufen Sehnsucht. In Schlaufen gebannte Flucht. Wir verkaufen Zuflucht, Zuhause nicht. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
AUFS HERZ HÖREN
Küssen geht über bereuen. Zwei Zungen zeigen immer den Weg zur Wahrheit; Auch wenn der Weg zurück führt in die Einsamkeit - Die Mutigen werden die Scheuen. Alles nehmen statt selektieren. Halbe Erkenntnisse nur kommen durch Nachdenken; Erlebnisse allein werden Dir die Klarheit schenken - Vollbringen geht über reflektieren. Alles geben und nicht immer dosieren. Die Wechselwirkung bringt gültigste Gewissheit; Nicht umsonst sagt uns ja die Volksweisheit: Probieren geht über studieren. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FAHRT VON MÜNCHEN NACH FRANKFURT
Es ist kälter in München als in Frankfurt
und wärmer auch –
Es kommt darauf an,
ob Du die Menschen anlachst.
Es ist billiger im Dorf als in der Stadt
und teurer auch –
Es kommt darauf an,
welchen Fehler Du machst.
Ich bin nigerianischer als deutscher
Oder auch nicht –
Es kommt darauf an,
wer mich gerade ausschließen will.
Ich fahre von München nach Frankfurt
Oder auch nicht –
Denn meine Gedanken sind wo ganz anders
und sie bleiben nie still.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
