RÜCKFAHRT AUS TIROL

Der Weg ergibt sich aus dem Nebel
Tirol entkleidet sich schnell
entzieht sich dem feuchten Dunst
zwischen seinen Bergen
gibt den Weg frei, eine lange Schlange
und wendet sich unermüdlich
aus der Feier heraus, zurück ins Alte,
voran ins Neue.

Neben mir ein Fluss, der immer in ist,
nimmer out. Die Sonne erscheint zögernd,
es ist eine Wintersonne.
Langsam fallen die Berge zurück,
die Enge weitet sich, und
es liegt eine offene Welt wieder vor mir…
Mit Heimkehr steigt die Reiselust.
Mit Älterwerden, siehe, die jugendliche Lust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN DU DEN SCHMERZ NICHT MEHR FÜHLST

Wenn Du den Schmerz nicht mehr spürst,
bist Du stark oder bist Du taub geworden?
Wenn Du die Nacht nicht mehr hörst,
bist Du hell oder bist Du taub geworden?

Oder wie soll ich das sonst sagen?
Ich lief durch den Tag, durch die Stadt
und sie fühlte sich nicht mehr fremd an.

Bin ich wach geworden oder bin ich tot?
Wie kann etwas einst neu und fremd
sich anfühlen jetzt wie eine Heimatstadt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Der Lärm bedeckte bekanntlich das Schweigen nicht
Denn das Schweigen übertönt alles –
Alle Gespräche, alle Verträge, alle Abkommen –
Keiner redet wirklich mit den anderen.
Alle schweigen.
Und verschweigen das Schweigen.

Wald- und Wüstenwege
Flüsse und Seerouten
Dann Flugzeuge, dann das Internet
brachten sie zusammen
Sie lernten sich jedoch nicht kennen
Nur ihre Vorurteile trafen aufeinander
Und nun sind alle perplex.

Nie war die Welt vereinter
Nie war die Welt getrennter
Denn Nähe überwindet keine Distanz
Nähe verdeutlicht und verschärft Distanz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER REISENDE HAT ZWEI HERZEN

Immer, wenn ich in die Welt hinaus gehe
gehe ich hinein in meine Gefühle für Euch
meine Engsten, die ich jedes Mal zurücklasse –
Wie kann man ein Teil von sich zurücklassen
das er immer bei sich in sich hat?

Immer, wenn ich nach Hause zurück kehre
kehre ich zu meiner Sehnsucht nach Euch zurück
die ich jedes Mal da draußen zurück lasse:
unerforschte Wege, rufende Landungsstege,
noch nicht getroffene Freunde im fernen Land.

Wie kann man ein Teil von sich zurücklassen,
das man stets in sich hört und spürt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEERE WIRD NICHT VOLLER DURCH NÄHE

Je mehr ich von der Welt sehe,
desto weniger sehe ich von ihr.
Flugzeuge transportieren nicht nur unsre Sehnsüchte,
sondern auch unsere Ichsucht und Leere;
Das Internet zeigt uns nicht nur, was uns verbindet,
sondern so oft, was uns entfremdet und trennt;
Und bringt uns enger zusammen,
damit jeder im anderen die Einsamkeit erkennt,
unter der auch er leidet und brennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFER SEHEN

Wo die einen Tiefe sehen
blicken die anderen in die Leere
Wo die einen Strände sehen
freuen sich andere über die Meere
Wo die einen Profit sehen
sehen die anderen die Natur
Wo die einen Primitives sehen
fühlen sich andere Zuhause in ihrer Kultur.

Ich sehe nicht, was die anderen sehen:
Deine Augen, Deine Haare, was Du wiegst;
Ich sehe den langen Weg hinter uns
und den längeren, der noch vor uns liegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIDERSPRÜCHE

So oft wir abheben und wieder
auf den Boden der Tatsachen landen
So oft wir tags Gedanken verlieren
deren Fäden wir nachts fanden
So oft wir in der Gegenwart anfingen
und in der Vergangenheit doch stranden
weil heute uns die Widersprüche trennen
die uns gestern verbanden..
So oft warst du mein Freudenhaus
denn ich ging pausenlos ein und aus
und nie habe ich dich verstanden
Doch tausendmal in dich gehen
und tausendfach dich nicht verstehen
war Durst alles, was wir empfanden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBERFLUG

Die harten Bergspitzen
kitzeln zart den nackten Bauch
des stolzen Flugzeugs

Überrascht hält es an,
knurrt sanft und bleibt schwebend
im Genuß gefangen –

steif und weich

Eine Wolke fast wie
ein tausend andere

Dann erinnert es sich plötzlich
an seine Reise wieder und eilt
schnell davon

scheu wie ein Vogel.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRIEB

Manchmal sitze ich still und zufrieden
und habe alles –
Und bin unzufrieden, denn ich habe alles

Manchmal sitze ich still und zufrieden
und habe alles –
Und bin unzufrieden, denn mir fehlt eines:

Jene tiefe Leere
Jene feine Unruhe
Jener schöne unzufriedene Trieb.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WAHL

Zwei Pfade mieden sich im Wald
Einer war die Sehnsucht
Einer war der Ehrgeiz

Es gab keinen dritten –
Er was nur so aus, als wäre er ein Weg.

War der Wald Dein Herz oder meins?
Wie können zwei Wege
so ähnlich sein und doch so verschieden?

Und treffen sich nie.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung