Der Zug rollt ab, wie ein Geschehen, aus dem Du nicht mehr aussteigen kannst. Durchs Fenster wirst Du vieles sehen, an dem Du Dich nicht beteiligen kannst. Du kannst weder stoppen noch umdrehen; die Fahrt erleben ist alles, was Du kannst. Es bringt nichts, zu bitten oder zu flehen, Du bist Geschehen-gebunden. Du kannst im Zug sitzen bleiben oder aufstehen, rumlaufen, mit anderen reden. Du kannst Freunde finden, die den selben Weg gehen wie Du, mit denen Du Wärme teilen kannst. Enge Verbündete wie in Familien, oder Ehen, oder im Krieg, oder im Knast. Werte kannst Du schöpfen, Bunde formen, die nicht vergehen werden, wenn Du endlich umsteigen kannst an der nächsten Station in Deines Lebens Geschehen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
über Wanderung und Bewegung
MEIN HERZ RAST
Mein Herz rast durch das Leben An keinem bleibt es kleben Ich sitze als Gast und Pilot zugleich Flugbegleiter auch allein und mit Euch Mein Herz fliegt schnell durch mein Leben An keinem bleibt es kleben Doch egal wo ich bin, da seid Ihr… mit mir reisend tief in mir. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BEFREIT
Ich gehe immer weiter Hoff nicht auf meine Rückkehr Die rückt nicht näher Die kommt, ich komme, nie mehr Ich bin ein Befreiter Eure Fesseln haben mich innerlich befreit Eure Angriffe machten mich vor neuen gefeit Eure Wegelagerer geben mir sichres Geleit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZUSAMMENFAHREN
Sollen wir zusammenfahren? Der Sitzbezug sieht aus wie ein brennender Wald, rot mit Tigern und Palmen. Keine Distanz ist genug, der Nebel am Zugfenster bleibt unser Limit. Du musst meine, ich Deine, Aussicht sein auf einer Empfindungsreise durch Innenwelten, wo das Wahrsein mehr zählt als der Fahrschein und nur natürliche Schöpfungsgesetze gelten. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SAGT ETWAS
Es gibt Blicke, sie sind grob, fest, physisch, Sie fassen sich gegenseitig überall an. Sie kleben förmlich aneinander siamesisch, ziehen einander jeweils in des andern Bann. Kein Wort moderiert die krude Intensität. Schweigend, dieser Moment der Intimität. Ein Mensch, der an der Bushaltestelle vorbei geht; Ein anderer, der auf dem Bus wartend steht. Jeder schaut den anderen verlangend an und wird nie erfahren des andern Identität. Hier kommt der Bus, der eine steigt ein - Der andere geht weiter. Beide bleiben allein. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE VIELEN MENSCHEN IN DER STADT
Die vielen Menschen in der Stadt, die täglich sich seelisch wappnen gegen die vielen Menschen in der Stadt, treffen in allen Ecken, auf allen ihren Wegen, die vielen Menschen in der Stadt. Dann ignorieren, irritieren, verletzen, erregen die vielen Menschen in der Stadt sich gegenseitig, ohne den Verdacht zu hegen, die vielen Menschen in der Stadt: dieses Sich-aneinander-Reiben ist ein Segen für die vielen Menschen in der Stadt, denn nur so können wir das Miteinander pflegen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHIENEN
Schienen - Du auf Deinen, ich auf meinen - schienen verschieden zu sein. Doch wir mieden den Schein, spürten das Wesentliche, das innere Ähnliche zwischen ihnen, unseren sich getrennt scheinenden doch stets innig verbunden seienden Schienen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
RADIO
Ich kann meine innere Stimme nicht hören Das Radio läuft im Uber, Killing Me Softly tötet mich laut. Ich will mich nicht empören Die Musik verführt mich wie sanfte Schorle Fahren ist schön, fahren lassen aber auch Nehmen berauscht, nehmen lassen auch Gesellschaft ist schön, aber Alleinsein auch. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WO AUCH IMMER ES HEUTE IST
Als sie jünger war wurde sie schwanger, es war ein Wunder, daß sie, kaum ein Teenager, überlebte und je älter sie wurde, auch gesunder wurde, nachdenklicher dazu, schöner und reifer. Lachte viel und heiratete die Liebe ihres Lebens und sie hatten drei Kinder. Aber manchmal, plötzlich, wird sie stiller, ruhiger, und schickt innig Gedanken an ihr viertes Kind, das heißt, an ihr erstes Kind, das sie als Teenager zur Adoption einst freigab. Wo auch immer es heute ist, möge Gottes Segen es schützen auf allen seinen Wegen. Amen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MENSCHEN VERINNERLICHEN
Ich habe so viele Menschen verinnerlicht Ihr Dunkel, ihr Geheimnis, ihr Streben, ihr Licht Unzählige Geschichten tragen mein Gesicht Du kennst mehr Menschen als Du weißt Hast Erinnerungen gespeichert in Deinem Geist während Du von Leben zu Leben unruhig reist Jede Begegnung, die uns innerlich trifft, hinterlässt einen Abdruck in unsichtbarer Schrift eingemeißelt in unsre Geschichte mit ewigem Stift. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
