DIE VERLORENE TIEFE

Wann haben wir uns verloren,
unser Herz, unsere Weichheit,
die Natur, in der wir geboren
wurden, altmodische Weisheit?
Wann sind wir so fortgeschritten
geworden und innerlich zerstritten?

Einfache Lieder befriedigten uns,
ehrliche Worte genügten uns,
im Kern unseres Denkens und Tuns
waren Werte. Sie beschützten uns
lange vor diesem modernen Unding,
das wir ohne sie heute geworden sind.

Wer die Vergangenheit verloren hat,
der kann sie sich nicht mehr vorstellen -
begreift nicht mehr die märchenhafte Tat
ohne ihren Sinn modern zu entstellen.
Es war einmal eine bessere Menschheit,
eine Zukunft vergessen in Vergangenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KINDESWOHL

Wer passt auf Dich auf,
wenn Du ein Kind bist?
Wer sieht die Gefahren im Voraus,
eher Du auf sie triffst?
Wer beschützt Dich?

Wenn Dein Ball in eine Autostrasse fliegt
und Du ihm hinterher schießt..
Wenn Du auf einer Wiese spielst
und neben Dir ein offener Brunnen ist
ohne eigene elterliche Aufsicht.
Wer sonst beschützt Dich?

Und Erwachsene laufen vorbei –
Einige hocken am Fenster nebenbei –
Keiner macht einen Aufschrei.
Manche sehen die Gefahr nicht,
manchen ist es, unglaublich, egal.
Manche bangen aber trauen sich nicht,
fremde Kinder anzusprechen. Denn, ob legal?
Ob ideal? Jede Entscheidung ist vielleicht fatal.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VON BÄUMEN LERNEN

Der Baum stand da
Als wäre er nicht da
Und war für alle da

Der Mensch stand da
Als wäre er wirklich da
Und war für niemand da

Nur für sich selbst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE GEDANKEN SIND NICHT FREI

Die Gedanken sind nicht frei
Sie sind gut, böse, rein, unrein
Aber sie sind nicht zollfrei

Sie erhalten ihr eigenes Sein
Bewirken feinstofflich vieles dabei
Prägen weiter Dein Bewusstsein

Hängen an Dir wie ein Faden
Kehren im Kreis auf diesem Pfaden
Zu Dir zurück mit Gleichart beladen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE DEMÜTIGEN

Manche werden Gesetze erlassen
Manche werden regieren
Manche werden große Thesen erfassen
die wir alle hinterher zitieren
- ohne den Menschen zu verbessern.

Manche werden viel Geld machen
Manche ihr Geld verschenken
Manche werden spielen und lachen
und uns von unseren Sorgen ablenken
- ohne den Menschen zu verbessern.

Ohne die Welt wirklich zu verändern
zum Besseren. Geistiges verwässern
ist kein Fortschritt. Doch an den Rändern
die Demütigen, schweigend in Bändern,
sind es, die die Menschenart verbessern,
mit ihr den Charakter in allen Ländern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS IST WENN DU UNABHÄNGIG

Was ist wenn Du unabhängig von Hauteigenart
fliegen könntest in die höchsten Begriffe?
Was ist wenn Du unabhängig von Kulturstand
stürzen könntest in die engsten Tiefen?
Was ist wenn alles mit nichts zu tun hat,
was wir für wichtig einstufen?
Was ist wenn anders sein durch gut sein
zwar das schwierige doch das richtige ist?
Denn dazu sind wir als Menschen berufen.
Was ist wenn es egal ist, wie andere Dich nennen,
ob sie sich mit Dir verschwistern oder sich von Dir trennen?
Was ist wenn der große Zusammenhang
mit nichts zusammenhängt, an denen wir hängen?
Wenn unsere Selbstkontrolle uns befreit
und unsere Freiheiten uns einengen?
Geist. Was ist Geist? Der in uns allen ist
aber nicht in uns allen wirkt
und doch der einzige ist, der unser Menschsein bewirkt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAHRE ANTWORTEN

Viel zu viele Füße
tasten laufend über meine Fragen
ohne Antworten anzubieten
die mir mehr als das Gesagte sagen.

Wer mit reden will, muß mehr sagen
mit weniger Worten
als mehr Worte hätten sagen können
in mehr Sekunden, Minuten, Tagen.

Es ist die Stunde der Wahrheit.
In jedem Lande, an jedem Orte
zeigen Menschen und Völker ihr Gesicht
denn Taten reden lauter als Worte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLINDGÄNGER

Der Hass
Hungrig und verzweifelt
Wie ein Wolf –
Greift wild um sich, eskaliert
Von Populismus zu Populismus
Ängstlich
Weil immer mehr Menschen ihn durchschauen.
Lauter! Er wird lauter und lauter
Wie ein Rattenfänger.
Schneller! Er pfeift schneller und schneller
Und wartet wütend seit Jahrzehnten
Lebend begraben wie ein Blindgänger
Aus dem Weltkrieg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER STURM KOMMT

Es wird dunkel
Dunkler als je es war
Es wird gemunkelt
Der Sturm kommt

Festigt Eure Wurzeln
Und Dach und Fenster und Tür
Wahre gute Eures Herzens Schlüssel
Der Sturm kommt

Er kommt
Geblendet durch seinen Blutrausch
Er kommt

Entfacht Eures Mutes Funke
Bereitet Euch für den langen Kampf -
Es ist die Stunde des Dunkels
Die Stunde seines Niedergangs.

Der Sturm des Guten, er kommt auch!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWARZER MANN

Schwarz, nach dem Ebenbild meines Vaters,
Nicht im Sinne Deiner Vorstellung.
Mann, nach dem Ebenbild meines Vaters,
Nicht Gemäß Deiner Einstellung.
Selbstschützend, mit der Tiefe meiner Eltern,
Ich gebe mich nie zur Ausstellung.
Wenn das hier nicht passt, dann passt es nicht.
Mein Herz ist ebenso afrikanisch wie mein Gesicht.
Und mein Kern ist von Urbeginn an voll vermenschlicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung