AN EINEM BAHNSTEIG ZU STEHEN

An einem Bahnsteig zu stehen,
allen Wartenden ins Gesicht zu sehen -
Wo wollen wir alle einzeln hingehen?

Züge kommen, im Handumdrehen
scheiden wir uns, wie viele Ehen,
steigen um ins nächste Geschehen
und werden uns alle nie wiedersehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERTRAUENSFLÜGEL

Vertrauen
hat die Flügel eines Traums
Zurückschauen
in die Leere eines Zeitraums
der verschwunden ist,
bringt nichts…
Vertrauen, einmal unterbrochen,
wie ein Traum, - ist weg.

Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

EINE ANDERE MENSCHHEIT

Eine zweite, nein, erste, Menschheit
wohnt tief unter der Oberfläche
der scheinbar herrschenden Menschheit 
wie eine unsichtbare Tragfläche -

Sie besteht aus denjenigen,
deren Geist Gottes Naturgesetze 
schweigend versteht als die alleinigen
Verwalter unser aller Schicksalsnetze. 

Diese Menschen beteiligen sich auch
an Politik, Wirtschaft, Gesellschaft,
an Akademie, Kunst, Sitte und Brauch,
aber sie machen alles gewissen-haft. 

Keiner Nation, Kultur oder Religion
gebührt mehr Treue als Deinem Gewissen.
Die Zukunft braucht neue Vision
und ein in Liebe verwurzeltes Wissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STREIT

Ich lasse los
wenn der Zwist
viel zu groß
geworden ist
Ballon voller heißer Luft,
wie eine formgewordene Kluft,
steigt empor und verpufft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

REINKARNATIONSGRUND

Die Anzahl an verschiedenartigen Dingen,
die an einem Tag geschehen können;
Du kannst den Tag damit verbringen,
Dich für ein Hundert Leben zu versöhnen.
Denn trotz allem will Gott Dich schonen.

Es reimt sich nicht ganz genau,
ist aber nah genug, um zu funktionieren;
In der Wirkung stimmt es haargenau.
Du musst Dich an alles nicht erinnern,
Du musst nur richtig reagieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN HERZ IST EIN FERNGLAS

Dein Herz ist ein Fernglas.
Wenig trifft Dich, was
es nicht vorher versucht hat,
Dir zu zeigen. Jede Tat,
Sichtbares, Fühlbares, Hörbares,
war schon lange fein Wahrnehmbares -
aber wer hört denn gerne zu,
wenn das Herz empfehlt, daß Du
einen Wunsch aufgibst, oder noch
schwerer, einen Charakterzug doch
überwindest, den Du lieb hast
aber der Dir eines Tages zur Last
werden wird. Diesen zukünftigen Schmerz
sieht heute bereits Dein Herz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIT MENSCHLICHKEIT BEGABT

Wir verwechseln Kunst mit Spiritualität,
genauer: mit geistigem Streben,
obwohl nichts im Geistigen höher steht,
als mit gutem reinem Wollen zu leben -
das einfachste und das schwierigste.

So viele Menschen dünken sich
talentfrei, leer und unbegabt -
aber sie denken dies irrtümlich.
Manche sind mit Menschlichkeit begabt,
das einfachste und das schwierigste.

Täglich, ehrlich, mit anonymster Stabilität
hohe Werte zu verkörpern und zu geben:
Das allein ist die ernste Spiritualität;
das ist das aufbauendste geistige Leben,
das einfachste und das schwierigste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UMRISSE

Als wärest Du aus dem Feinstoff
der Schöpfung Erinnerung herausgerissen,
schiesst Du - zersplittert - schroff -
über die Leinwand in meinem Gewissen,
und ich hoff, ich hoff, ich hoff!:
Ich ersticke nicht beim Dich Vermissen,
Du meine Luft, Du mein Sauerstoff!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER RISS

Realität blinkt, rauscht, flackert.
Elektronischer Bildschirm leuchtet stabil.
Wahrheit, uneben, wird zusammengetackert.
Lügen pflegen ein glattes Profil.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS ENDE

Der merkwürdigste, sonderbarste Teil
eines Gedichts ist jedes Mal sein Ende.
Eine Empfindung, die wie ein leiser Pfeil
mich ruhig durchdringt wie jene Abende,
an denen sinnend sitzend am Fenster daheim
ich dem Schweigen lausche - es spricht Bände
und wird meinem Herzen den schönsten Reim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung