ZWISCHEN ALLEIN UND ZUSAMMEN

Ein Bett zu groß für einen
Zu klein für zwei
Ein Pfad zu breit für einen
Zu schmal für zwei
Eine Einsamkeit zu tief für einen
Zu oberflächlich für zwei
Ein Leben zu lang für einen
Zu kurz für zwei.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN VERZÖGERTES LÄCHELN

Ein verzögertes Lächeln
Eine Ewigkeit an Mutmaßen
Erstaunlich, wie viele Gedanken
In eine Sekunde hineinpassen
Hoffnung, Verzagen, Leben, Sterben
Verwirrung, Lieben und Hassen
Während das Herz auf Antwort wartet
Unwillig, weitergehend loszulassen
Unfähig, die Verzögerung anders
Als ängstlich negativ aufzufassen.

Aber ein wahres Lächeln ist manchmal tief
Und untersucht lang den Blick, der es rief
Bevor es zurück lächelt, es ist nicht naiv:
Er muss echt sein, sonst geht es (wieder) schief.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUKUNFTSSCHMIEDE

Wüsstest Du, daß wir Magier sind?
Jeden Augenblick zaubern wir Neues hervor:
Die Zukunft.

Und das können wir bis in alle Ewigkeit tun In Neuland hinein reisen, findend
jeden Augenblick eine neue Ankunft

Jeder Augenblick eine neue Herkunft
Über Deinen Weg gibt allein Deine Sehnsucht
wahre Auskunft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE GESELLSCHAFT

Die Gesellschaft besteht aus allen Farben,
Allen Neigungen, allen Fragen,
Aus allen Wunden und allen Narben,
Aus Behagen und Unbehagen.
Die Mischung macht die Magie.

Hier wo einst Krieg wütete
Hier wo Grenzen überschritten wurden
Hier wo die Geschichte uns überschüttete
Mit dem widersprüchlichsten Absurden –
Hier brauchen wir demokratische Energie.

Menschlichkeit, Güte, Toleranz,
Solidarität, Fremdenfreundlichkeit, Akzeptanz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NICHT GANZ

Ich sterbe Tag für Tag
Und sterbe nicht
Ich lebe Tag für Tag
Und lebe nicht
Ich werde Tag für Tag
Und werde nicht
Ich erwache und erwache
Und erwache nicht ganz
Eure nächste Nähe
Fühlt sich an wie Distanz
Ich erwache und erwache
Und erwache nicht ganz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SONNE STOLPERTE

Die Sonne stolperte heute Abend
über weißlila Wolken
schmierte sie weichorange
beim Runterfallen
fing sich dann im letzten Moment noch
drehte sich um und
schickte einen langen langsamen Gruß
an alle, die gerne zurück grüßen
dann versenkte er sich ins Horizont.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WESENTLICH MÖGLICH

Mach einmal täglich das Unmögliche möglich;
Der Tag nimmt es mit und kehrt nie wieder zurück.
Mach kleine Dinge groß und große Dinge klein,
Finde in Deinem täglichen Kampf Dein Glück;
Löse Deines Geistes Rätsel, Stück für Stück.

Nimm Deinen Platz in der Mitte ein,
Nicht an der Oberfläche, nicht am Rand -
In der Mitte des Wesentlichen, meine ich.
Das Wesentliche sei innerlich Dein Land,
Tiefer als Gesellschaft, Genen und Sand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE GESCHICHTE DES RIESELNDEN BACHS

Die Nacht erzählt mir eine Geschichte
die ich nicht verstehe
dennoch höre ich gebannt verträumt zu
es ist eine gute Nachtgeschichte
über einen rieselnden Bach
der lief und lief und murmelte und gurgelte
und beim Zuhören fließe ich mit
und schlafe langsam ein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE IST FAMILIE

Familie
Schwer zu fassen
Bindungen, die umfassen
Unausgesprochen doch laut
Geht tief unter die Haut
Blut ist dick, doch Liebe ist dicker
Liebe ist Familie.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERFÜLLUNG DAUERT

Wir waren eins
lange bevor wir uns trafen
Und waren einst
lange bevor wir uns kannten
sich gegenseitig ergänzende Teile

Wir blieben zwei
lange nachdem wir uns trafen
Denn Einswerdung
ist jenseits des Anfangs sehr schmerzvoll
und dauert eine Weile.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung