WIE ZWEI KINDER

Wie lief Dein Tag?
Deine Gedanken, zögernd, zart,
Ich spüre Dein Unbehagen
Auf meine Art
Ein Gefühl im Magen.

Alles, was ich kindlich sag
Alles, was ich kindlich frag
Ist nur meine Art,
Dir zu sagen,
daß ich Dich kindlich mag.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERÄNDERUNGEN

Heute schaute ich zurück
Wie ein Baum auf einem Hügel

Hinter mir waren mehrere Gipfel
Auf jedem Stand ein Baum

Schwer fiel es mir, zu begreifen,
daß ich mal alle diese Bäume war

Schwer fiel es mir zu begreifen,
wie Menschen sich so völlig ändern

Und dennoch kam in jedem Augenblick
Mein ehrlich wahres Selbst zum Ausdruck.

Che Chidi Chukwumerije</em>
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREMDELN

Du liefst die Straße entlang.
Schade, daß von all den Menschen,
die Dich innerlich ansprachen,
mit keinem kam es äußerlich zur Aussprache.
Du sagtest nichts
Und sie sagten nichts.
Wir leben zum selben Zeitraum auf der Erde
Und laufen alle an einander vorbei.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DANKE FÜR DEN TAG

Danke für den Tag
für den Kampf mit mir selbst
für den magischen Wechsel zwischen Morgen und Mittag
für die Phasen, in denen ich mich vergaß,
denn genau dann war ich mein wahres Selbst.
Danke für die Trockenheit, die Nachmittag heißt,
denn ein Tag besteht aus vielen Welten.
Und wieder überraschte mich die Abenddämmerung,
ich weiß nie, wo sie herkommt …
noch weiß ich, ob es Wehmut oder Freude ist,
die ich empfinde, während ich
mit Augen zu schaue
mit Ohren lausche
mit Gänsehaut registriere
mit Herzen ahne,
wie der Abend langsam der Nacht weicht,
die von der Zukunft heran schleicht,
jede Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU-ETT

Wärest Du ein Lied,
wer hätte Dich gesungen?
Wer hätte Dich komponiert?
Wer hätte Dir Deine Melodie abgerungen,
die im Kind als Freude gejubelt,
in der Jugend von Sehnsucht bezwungen,
im Erwachsenen im Kampf gewütet,
im Greisen als Nachdenken ausgeklungen?

Duett.
Du und das Gesetz
der Wechselwirkung.
Euch ist zusammen Dein Lied gelungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUG NACH ROM

Sie tuschelten
Kuschelten
Zeigten sich gegenseitig
Sachen auf ihren Handys

Als das Flugzeug startete,
gab sie ihm die Hand –
Ich sah in seinem festen Griff,
die Liebe, die sie verband

Als das Flugzeug wackelte,
fiel ihr Haupt auf seine Brust –
Ich sah, an seiner Hand auf ihrem Kopf,
die Angst vor Verlust

Als das Flugzeug landete,
lächelte sie ihn erleichtert an –
Ich sah in dem Kuss, den er ihr schenkte,
einen völlig verliebten Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLÜCHTIGE GEFÜHLE

FLÜCHTIGE GEFÜHLE

Sie erdet mich
als wäre sie Wurzeln
Entwurzelt mich
als wäre sie ein Sturm
Stürmt mich an,
als wäre sie die Flucht
Flüchtet von mir,
als wäre sie Angst
Beängstigt mich,
als wäre sie nichts
Und ist nicht in der Lage,
mehr als eine vage Ahnung
von dem zu haben, was ich sage.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄHE OHNE DISTANZ

Genesung ist besser als Impfung
Gegen die Liebe kannst Du nicht geimpft werden
Nur der Liebeskummer wird Dich heilen.

Vorher warst Du ein Superspreader
Jetzt bist Du ein Maskenträger
Niemand kennt Dein wahres Gesicht mehr.

Doch, ach! Wie Du Dich sehnst
nach dem Lachen wieder, nach Händen,
nach intimer Nähe ohne unsozialer Distanz.

Liebe wiederholt sich und wiederholt sich
Immer wieder erwischt Dich eine neue Variante
Egal wie oft Du geimpft bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE BERGE

Unklare Umrisse…
Die Berge falten sich in einander
Als wäre die Zeit ein Meer,
Aus dem sie wellengleich
Aufstehen, drängeln durch den Verkehr
und machen sich auf den Weg
Im Urlaubsstau Richtung Österreich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DA MUSST DU DURCH

Nichts schwächt
oder stärkt Dich schneller
als eine falsche Entscheidung

Dich tötet danach
sowohl das verbitterte Aufgeben
wie die befreiende Aufarbeitung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung