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Der Specht
hat Recht
hat Recht
hat Recht

Und wiederholt sich so lang
bis er seinen Punkt gemacht hat.

Nicht schlecht
nicht schlecht
nicht schlecht

Wie lange noch? Wann kommt endlich
meine tiefste ureigenste Empfindung zur Tat?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EGAL WAS EGAL WIE

Egal ob Du denkst
oder nicht denkst,
denkst Du.

Egal ob Du sprichst
oder nicht sprichst,
sprichst Du.

Egal ob Du gehst
oder nicht gehst,
gehst Du.

Ich fühle Dich
Ich höre Dich
Wie Du mir folgst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PLÖTZLICH FLÜCHTLING

Du machst Dir Sorgen
Du weißt nicht, wo Deine Frau ist
Ihr seid in unterschiedliche Richtungen gerannt
Jetzt sitzt Du hier in diesem Lager

Hat sie Eure Tochter mitgenommen?
Sie ist elf Jahre alt und zieht schon Blicke an…
Es ging alles so schnell – Schüsse!
Und weg ward Ihr alle!

Nur ein paar Sekunden flohst Du
Dann übermannte Dich wieder die Männlichkeit
Du drehtest Dich um, doch die waren verschwunden
Deine Frau und Deine Tochter

Chaos überall. Schüsse und Brand.
Du hast lange gesucht, vergebens –
Jetzt sitzt Du in diesem Lager und denkst
besorgt an Deine Frau und Tochter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERNBEDIENUNG

Wenn ich mit einer Fernbedienung
Deine Gedanken steuern könnte,
würde es Sinn machen, sie
auf etwas zu lenken, was jenseits
Deiner Vorstellungsfähigkeit liegt?

Da wären die doch verschwendet.
Lieber lenke ich sie auf Blumen,
auf Gütigkeit, auf Menschlichkeit, auf Mut,
auf Deine eigene Innere Stimme,…
aber auf keinen Fall auf mich.

Da wären sie doch verschwendet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UMGESTALTUNG EINES ZIMMERS

Zimmer umgeräumt
Altes weggeräumt
und weggeschmissen

Gedanken freigeräumt
Neue Träume geträumt
aus befreitem Gewissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEM DRANGE NACHGEBEN

Schwer lag auf mir der Drang,
den schweren Drang abzuwerfen –
Und der Drang danach,
dem Drang nachzugeben,
war so unerträglich,
daß ich dem Drang nachgab
und den Drang abwarf.

Erleichterung leert
Doch die Leere erleichtert nicht.

Jetzt bin ich leicht – und leer –
und sehne mich wieder nach dem Drang
und nach dem Drang danach,
mich dem Drang wieder nachzugeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEI SAALBURG

Wer hat hier gelebt geliebt
In Frieden im Krieg
Brunnen und Mauer gebaut
In die Augen seiner Geliebten geschaut
Gebeten, gelacht
Über die Zukunft nachgedacht
Gehofft, Freude und Angst gespürt
Das Herz seiner Mitmenschen gerührt
Und für diesen Ort sein Leben
Ohne Zögern gerne gegeben
Hier gealtert, an Gott geglaubt
und sein Körper hier zurückgelassen
als er mit Fragen in seinem Herzen starb?
Denn auch er mußte eines Tages fort?

Wo ist er heute?
Weiß er, daß ich über die Reste
seines geliebten Heimatdorfs
nachdenklich spaziere
und mich frage, was aus seinem Geist
geworden ist?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBESBÄUME

… und da standen sie
In einander verschlungen
ein Liebespaar –
Raum und Zeit überwunden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTZUG BERLIN FRANKFURT

Kurz bevor es dunkel wird
schlafen die Bäume ein
wie müde Wachsoldaten
verfallen ihren Träumereien
Der Zug, wie ein Schlafwandler
betritt freie Räume ohne Bein
ohne Fuß ohne Zeh ohne Schuh
Fährt fast ohne Geräusch mich Heim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE UND ABSTAND

Im Boden
halten sie sich
Oben
küssen sie sich
Aber auf dem ganzen langen Weg
zwischen diesen beiden Stationen
berühren sie sich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung