VERSTEHEN

Sehen
ist verstehen.
Falsch- oder Halb- oder nicht verstehen
bedeutet, noch nicht richtig gesehen
zu haben. Eigentlich
ist es andersrum richtig:
Nicht, sehen ist verstehen -
sondern verstehen ist sehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BINDUNG

Blut verbindet,
bindet aber nicht -
Die Band verschwindet,
der Bund bleibt als Pflicht.

Wahre Bindung befindet
sich in geistiger Gleichart
die ähnlich empfindet,
ähnlich hart, ähnlich zart.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

MUSIK WIE WEIN

Musik, wie Wein,
wird konsumiert
zu zweit oder allein,
hemmungslos zelebriert,
verleitet zum Mitfließen
im Fluß der Erinnerung,
verleitet zum Genießen
den Hauch der Dämmerung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE VIELEN MENSCHEN IN DER STADT

Die vielen Menschen in der Stadt,
die täglich sich seelisch wappnen gegen
die vielen Menschen in der Stadt,
treffen in allen Ecken, auf allen ihren Wegen,
die vielen Menschen in der Stadt.
Dann ignorieren, irritieren, verletzen, erregen
die vielen Menschen in der Stadt
sich gegenseitig, ohne den Verdacht zu hegen,
die vielen Menschen in der Stadt:
dieses Sich-aneinander-Reiben ist ein Segen
für die vielen Menschen in der Stadt,
denn nur so können wir das Miteinander pflegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN DER NACHT

Das Licht scheint am Hellsten in der Nacht,
ich weiß nicht warum, vor allem nach Mitternacht.
Die Menschen sind am unsichtbarsten tagsüber,
maskiert, abwesend, verlogener, härter, trüber.
Brauchen wir das Dunkel um Licht zu sein?
Steinharte Herzen schmelzen bei Mondschein,
was vorher Weh tat, wird noch schmerzvoller,
die Empfindung wird empfindsamer, das Herz voller,
Umarmungen werden länger und immer länger
und enger, und enger, und enger, und enger.
Und die, die beten, stellen mit Erleichterung fest,
daß das Gebet wahr ist, eher es ihre Brust verlässt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDLICHE EMPFINDUNGEN

Wenn der Abend, wie ein Riese,
uns mit großen Flügeln umarmt,
verdunkelt Straße, Wald, Wiese;
wenn Astraios sich unser erbarmt,
lässt ahnen die tiefen Paradiese,
denn unser Herz hat sich verarmt
an unserer Welt unendlicher Krise;

Wenn jeder Baum zum Wesen wird,
beobachtend den Oktoberabend, still,
und Schatten tanzen seltsam und wierd -
es fühlt sich an wie ist aber nicht April -
die Gedanken, die sich tagsüber herumgeirrt
haben, ahnen nun, was die Empfindung will,
kehren zu ihr zurück wie Schafe zum Hirt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHIENEN

Schienen -
Du auf Deinen,
ich auf meinen -
schienen
verschieden zu sein.
Doch wir mieden den Schein,
spürten das Wesentliche,
das innere Ähnliche
zwischen ihnen,
unseren sich getrennt scheinenden
doch stets innig verbunden seienden
Schienen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER ERSTE EINDRUCK VERFEHLT

Die üblichen Blicke,
wenn er vielerorts erscheint,
eine schwere, harte, dicke
Spannung, die alle dort vereint
auf einer Seite, er allein auf anderer,
mehr als nur ein fremder Einwanderer.
Ein Unterklässler, vielleicht ein Feind.

Der erste Eindruck verfehlt.
Unser Land ist nun voller Schrott.
Der erste Eindruck quält.
Eine hämische Portion Spott,
ein klammer Unterton der Feindseligkeit.
Wäre jetzt tückisch jede Art Geselligkeit?
Das weiß nur der Liebe Gott.

Er spricht, macht, weder langsam noch flott.

Er scheint die Spannung nicht zu merken,
und doch scheint sie ihn dadrin zu stärken,
weiter zu sprechen mit Worten und Werken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINGEREDE

Er sitzt, schweigt. Hört er zu? – Oder
ist er in seinen Gedanken verloren?
Nippt ab und zu an seinem Soda,
sitzt ansonsten still, fast wie gefroren.

Warum setzt er sich abseits von uns?
Weil er Schwarz ist? Wir sind farbenblind.
Weil er älter ist? Erscheinen wir ihm zu klein?
Oder weil wir hier nur Frauen sind?

Sie flüstern und rätseln emsig weiter,
suchen im Äußeren nach Antworten –
Lokalangestellte? Oder Gastarbeiter?
Sollen wir ihn ignorieren oder supporten?

Niemand kommt auf die einfache Antwort,
denn die liegt in seinem Innenleben –
Er kann und mag einfach kein Smalltalk,
überlässt lieber den anderen das Reden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE GROSSE SACHEN

Es sind die kleinen Sachen,
die wir machen,
die das Gleichgewicht stören
und, unrepariert, eventuell zerstören

Unachtsamkeit, Mini Lügen,
unfair den Falschen rügen,
Oberflächlichkeit in ernsten Momenten,
Ausweichen bei ehrlichen Argumenten

Die Benachteiligten ausgrenzen,
auf Kosten Anderer glänzen,
kleine Geschenke nicht schätzen
Missbrauch von Macht und Gesetzen

Und häufig merken wir gar nicht
die Enttäuschung im anderen Gesicht,
die Zerstörung des Gleichgewichts,
das Erlöschen des Lichts.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung