DA, WO DAS LACHEN BEGINNT UND STIRBT

Ich habe schon viele Menschen getötet.
Nicht körperlich.
Da, wo es weh tut, wo es wütet,
Wo die Wunde still ist und unerreichbar,
Do, wo der Schmerz unüberwindbar ist
oder zu sein scheint.
Seelisch.

Ich habe schon viele Menschen wiederbelebt.
Nicht physisch.
Da, wo das Leben beginnt, innerlich,
Beginnt als Selbstvertrauen, als Lust,
als Sehnsucht, Freude, Hoffnung, als Drang.
Geistig.

Mögen meine guten Taten meine bösen ausgleichen.

Ich wurde schon von vielen Menschen getötet
Ich wurde schon von vielen Menschen wiederbelebt
Nicht irdisch
Da, wo Menschen sich treffen,
wenn Menschen sich treffen,
im tiefsten Inneren.
Und äußerlich hat keiner was gemerkt.
Außer am Lachen und an seinem Fehlen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE ERREICHBARE HEIMAT

Das Paradies ist gar nicht fern –
Es lebt in den Lächeln und Grüßen,
die in der S-Bahn und den Bussen
und in den Straßen nicht getauscht wurden.

Es wartet in der Rücksicht
und in der Hilfsbereitschaft,
die zwischen den Bürgern verweigert wurden
weil die anderen doch nicht so sind wie wir.

Es versteckt sich in dem Grundgesetz,
in dem unsichtbaren Verzahnungspunkt
zwischen Kapitalismus und Sozialismus
und findet nicht genug menschliche Austräger.

Das Paradies ist gar nicht fern
Es ist immer, ist nachhaltig, ist da –
… und wartet nur darauf, verstanden,
zugelassen und gelebt zu werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GERECHTIGKEIT

Die Nacht bringt die Stimmen nicht zum schweigen
Der Tod bringt kein Ende dem Leiden
Der Haß kann die Sehnsucht nicht vertreiben

Die Stimmen der Getöteten
Das Leiden der Hasserfüllten
Die Sehnsucht nach dem Licht
der Gerechtigkeit.

Nur Gerechtigkeit ist Liebe.
Ohne Gerechtigkeit, kein Frieden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEFANGEN AUF DER FALSCHEN SEITE

Wenn Freunde
aus dem Hinterhalt
angreifen…

Und Feinde
offen und direkt zuschlagen
ohne auszuschweifen –

Diese Erfahrung
verhilft uns zum schnelleren
tieferen Ausreifen.

Wissen macht traurig
Weisheit macht vorsichtig

Freunde können Feinde sein im Geiste.
Feinde können Freunde sein Deiner Werte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFALT

Die Vorhänge zwischen den Emotionen
fallen wie gefaltete Farben, wenn sie zögernd
ihre gebrochene Farbtonleiter sich herunter tasten,
die eine Farbe suchend, die nicht existiert.

Es gibt zu viele Zwischenlieder –
Mitglieder der menschlichen Familie –
Wo höre ich auf? Wo beginnst Du?
Unser Vielfalt, wie ein Überraschungsei,
zaubert tägliche neue Farben ans Licht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEWISSENLOS

Risse in Deinem Gewissen –
Bisse tun Dir nicht mehr Weh.
Wirst Du den Schmerz vermissen?
Oder starb in Dir auch das Heimweh?

Lange lange lange Reise
Nicht nach Afrika oder Asien oder ins All
Lange lange lange Reise
Wie ein Schrei im freier Fall
Unterwegs vom Berg ohne Tal
Ohne Aufprall
Ohne Widerhall.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HANAU UND WIR

Schüsse so laut!
Sie gehen der Stadt
unter die Haut!
Mitbürger,
uns vertraut…
Uns von einem Rassisten
in der Nacht geklaut.

Schaut! Schaut! Schaut!
Immer noch keine Polizisten –
Es hat sich leider gestaut
an all ihren Leitungen.
Uns einfachen Zivilisten graut
es davor. Doch rassistische
Strukturen gehören endlich abgebaut!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLICKENTEPPICH

Zwei Lichtstrahlen
wie Fäden in einem persischen Teppich
bewegen sich fast unabsichtlich
auf einander zu –

Und sie sind die zwei Seiten einer Gesellschaft.

Und wie wohl Du mit Deinen Augen
ihren Pfaden folgst, ist es schwer
im Wirrwarr-Miteinanders des Durcheinanders
der Gesellschaft zu erkennen, ob sie sich treffen.

Nur das sprachlose Herz durchblickt die Gesellschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung