UNTER DEM SCHUTZ DER MACHT

Wie viel Macht
ist zu viel Macht?
– gib Acht!

Während sich Links und Rechts
gegenseitig neutralisieren im Gefecht
kommt das neue Schutzgesetz.

Am achtzehnten gib Acht.
Macht ist die Macht zu entmachten.
Schutz wird den Schutz nicht vor dem Schutz schützen.

Gib Acht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GÄNSEHAUT DER ERDE

Die Zeiten, wie der Blitz,
verlangen uns den Donner ab
Deshalb hört jetzt die Welt unsere Stimmen
lauter als je zuvor.

Die Menschen, wie Gänsehaut der Erde
schütteln sich plötzlich und sind
überrascht – denn die Stimmen des Herzen
sind nicht weich, sie sind sehr hart.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GETARNTE FEIGHEIT

Stimmen
Ich höre uns nicht
Ich höre unser Schweigen

Doch alle geben Beifall
denn unser Schweigen
haben wir mit Worten getarnt,

leeren Worten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DOCH KEINER SPRICHT ES AUS

Das Wissen springt
wortlos
von Augenpaar zu Augenpaar
Augenblick zu Augenblick
buchstäblich

Doch keiner spricht es aus.

Die einen, um ihre Freude zu verbergen.
Die anderen, um ihre Angst zu verbergen.
Und in dem Schweigen wächst die Gewissheit.
daß Morgen das Kind von Gestern ist.
Nicht heute.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FOKUS

Naht sich wieder ein Zeitalter,
in dem jeder Soldatenkuss
ein Abschiedsgruß ist,
wo die Liebe ein Fluß ist, die schmerzlich
trennt und vergißt zu trösten?
Das Zeitalter des abgekoppelten Gesterns,
des Morgens ohne Landebahn,
des desorientierten Heutes, in dem
die Hoffnung alleine die knappe Währung ist,
in der wir die Freude, jene Mangelware, tauschen?

Naht sich wieder das Ende von Familien,
der Anfang von Erinnerungen, die von
Fremden hinterher und mühsam
zusammengestellt werden? Naht sich Verrat,
das Ende von Nachbarschaft? Naht
sich das Unterdrücken von Atmen und Wollen,
jetzt wo der Freie Wille nach Befreiung schreit?
Wie eine auseinander genommene Kamera bin ich
viele verschiedene Teile gerade, zerstreut,
ohne Fokus. Ohne Fernblick. Voller Fragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MINORITÄTEN

Jede Gesellschaft hat einen Saum,
einen Rand an seinem Außenraum,
weder Abschaum noch nur Schaum;
ein festes Glied, aber klein. Ein Daumen.

Ein Schweigen mit feinem Gaumen.
Alles sehend, alles riechend, alles hörend
Alles meidend, und ergänzend, und störend
Von allem ausgeschlossen, zu allem dazugehörend.

Eine Anklage gegen das Weltgewissen
Eine Infragestellung unseres Begriffs von Wissen:
Warum ist jede Gesellschaft hin- und hergerissen
Zwischen Toleranz und Haß?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUM TEUFEL

Und der Teufel brach der Welt die Brust auf
Und riß ihr das Herz aus ihrem Schreihals raus
Und fraß es blutend vor unseren Tränen auf
Und wir haben mit unseren Fingern ihm die Zunge abgeleckt
Und es hat uns zutiefst geschmeckt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNRUHIGER FRIEDEN

Alle warten auf irgendeinen Startschuss
Keiner weiß wann oder genau wozu
Angespannt wartend brennen wir ohne Ruh
Schwankend zwischen Genuss und Verdruss.

Irgend ein Krieg kommt immer näher
Alle spüren es, jeder auf seine Weise
Eine innere Stimme mal laut mal leise
Die Sehnsucht nach Frieden, hehr. Sehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAS ECHTE

Hat es Dich wirklich berührt?
Oder hast Du einfach nur gelacht?
Hast Du es wirklich geglaubt?
Oder hast Du nur mitgemacht?
War das wirklich die Liebe?
Oder hast Du es Dir nur gedacht?

Täglich wird die Welt oberflächlicher
Technischer aber nicht menschlicher –
Aber jetzt predige ich und das ist zwecklos –
Möge der Schmerz schmerzvoller sein
Die unecht Verliebten wieder allein
Und die Empfindungsfähigkeit wieder grenzenlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS FALSCHE VERSTEHEN

Hörst Du auch die Stimmen der Stummen?
Die Schreie der Stillen?
Das Flüstern der Vergessenen?
Hörst Du, was keiner wagt, auszusprechen?

Siehst Du auch die Züge der Verstummten?
Die Mienenspiele der Gesichtslosen?
Die Masken der Unsichtbaren?
Siehst Du, was keiner der Welt zeigen will?

Wer wird zugeben, daß er uns versteht?
Unsere angebliche Freunde verhören uns absichtlich
Machen aus unserer Botschaft eine harte Bandage
Die die schreiende Wunde unsichtbar macht!

Ich werde meine eigene Geschichte erzählen
In meiner eigenen Dichtung
Du musst genau hinhören, wenn die Flüsse mäandrieren
Du musst genauer hinhören.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung