WARUM ICH SCHWEIGE

Warum ich schweige,
mich zur Stille neige:
Weil jedes Wort Verrat wär
an das Beste in mir -
Weil jedes Wort Verrat wär
an das Echte in mir.

Ich würde so gerne
ganz in die Ferne,
Starrem mich entziehen -
innerlich, meine ich -
mich zurück ziehen.

Schweige ich, weine ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERWANDT

Wir saßen gegenüber voneinander
in der vollen Straßenbahn,
Einander ähnlich in den Augen aller,
die uns in der Ecke sitzen sahn,
Und doch getrennt durch eine unsichtbare
Kluft, die ich deutlich ahn.

Du hier geboren und sozialisiert,
ich in einem afrikanischen Land.
Ich versuch, Deine Augen zu treffen,
doch Dein Blick bleibt abgewandt.
Ich steige bald aus, Du fährst weiter -
wir bleiben einander unbekannt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESPÜR FÜR WINTER

Manchmal kann ich meine Stimme nicht finden,
Sie versteckt sich irgendwo in mir.
Wer mich empfangen will, muß mich empfinden -
Deshalb hat jeder Mensch ein Gespür.

Das sind die Worte, die still der Winter flüstert,
Ich höre sie im Februarwald,
Im liegenden Zweig, der knurrt und knistert,
Im lauen Wind, der schallt und nachhallt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GENERATIONENÜBERGREIFEND

Wir fangen bei jeder neuen Generation
wieder von Null an,
als hätten wir nicht bereits
in der jeweils vorherigen Generation
alles gegen Hass getan
und seinen Anpassungsanreiz.

Sisyphus war kein Mensch,
er ist die Menschheitsgeschichte -
Die Hartnäckigkeit unserer Tendenz
zu reinkarnieren unsere Bösewichte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE EIN GAST LIEGT DER SCHNEE

Wie ein Gast liegt der Schnee,
Zu Besuch, im Wohnraum der Stadt ausgebreitet,
Fremd und doch Zuhause, und unbegleitet,
Wie ein Familienmitglied vom Übersee.

Er hat nicht viel zu sagen,
genau wie ich, Schweigen ist unsere Sprache
des Suchens nach Antwort, Ruhe und Ursache,
In diesen Winternächten und -Tagen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS NEUE, JA

Und dann…
begann
irgendwann
das neue Jahr
Nicht ganz am 1. Januar
weiß ich fürwahr
weil ich -
und das Neujahr gefühlt nicht -
da war.
Also vielleicht davor?
Ob das alte Jahr Zeit verlor?
Und das neue schon alt war?
Oder erst in den Tagen danach…
denn in den Tagen danach
ist keiner mehr wach.
Das Tor steht unbewacht
und wie ein Dieb in der Nacht
beginnt die neue Zeit.
Bist Du bereit?
Es ist soweit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERKENNTNISSE EINES HERUMREISENDEN

Wir gehen runter
und tauchen auf -
Jede Altstadt wird bunter
beim neuen Umlauf.

Die Strassenstimmen
in unterschiedlichen Sprachen -
Und dennoch, sie stimmen,
ob sie weinen, ob sie lachen,

stimmen sie überein
mit allen Strassenstimmen weltweit.
Die innere Stimme ist niemals allein
Inmitten der Menschheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HIER, JETZT, IN DER GEGENWART

Der größter Streich der Zukunft
Besteht darin, uns glauben zu lassen,
Sie befindet sich in der Zukunft,
Obwohl sie hier ist, jetzt, in der Gegenwart.

Die größte Tarnung der Vergangenheit
Ist eben das Antäuschen des Vergangen-seins.
Sie ist aber hier, jetzt, in der Gegenwart;
Sie ist nicht in der Vergangenheit zurück geblieben.

Denn Zeit existiert nur einmalig
Und zwar hier, jetzt, in der Gegenwart.
Was ich heute habe, in diesem Moment,
Ist alles, was ich habe.

Und hier, jetzt, in der Gegenwart
Ist dieser Gedanke, Hülle einer Empfindung,
Ist dieses Gedicht, Ausdruck einer Erkenntnis,
Ist dieser Mensch, Träger eines ewigen Dranges.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BAHNHOFSVIERTEL 1

Eine Wechselstube am Hauptbahnhof
Der bedrückend foulste Gestank trat ein
Alle Kunden drehten sich erschrocken um
Starrten irritiert murmelnd die Quelle an

Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase
Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase
Ein Araber drückte die Hand vor die Nase
Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase

Der Verursacher des üblen Gestanks
Holte etwas vom Schalter, ging wieder
Er war weder weiß noch asiatisch
Noch arabisch noch Schwarz

Er war obdachlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE STIMME

Der Wind stieg aus dem Meer empor
lief durch den Wald
erzählte dort wilde Geschichten
über das Meer -
Und ich sagte zum Wasser,
Sei nie wieder stimmlos.

Der Wind stürzte aus dem Wald heraus
lief brausend durch die Stadt
erzählte dort schräge Geschichten
über den Wald -
Und ich sagte zu Bäumen,
Seid nie wieder stimmlos.

Und ich schaute in den Spiegel
und sah den Schmerz in meinem Gesicht
und ich sagte zu mir
sei nie wieder stimmlos!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung