IN MIR

Eine Nation
groß wie ein Traum
wohnt vergessen in mir,
Wurzel ohne Baum
und voller Passion.
Mein Herz Dein Raum,
Du Ich ohne Wir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH BESUCHTE DEIN INNENLEBEN

Ich besuchte Dein Innenleben
eines Tages, als Du abwesend war,
und ich geriet in ein Herzbeben,
das wütete unstet, unberechenbar -
Grund für sein Auslösen war unklar,

denn Du warst ja nicht zugegen.
Sag, brennt es andauernd in Dir?
Wann wird sich Deine Unruhe legen?
Ich hinterlass jetzt ein Teil von mir
in Dir, wie Tinte als Gedicht auf Papier.

Irgendwann kommst Du wieder nach Hause
und findest anwesend die innere Kraft,
Ruhe zu wagen, Frieden, eine Pause
zu machen, denn die Stille verschafft
Dir die Krönung Deiner Wanderschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SÄEN UND WARTEN

Guten Morgen
feuchter, benebelter,
Traum betrunkener Tag -
Alle Samen,
die ich, Beseelter,
heute zu säen mag,

werden ungestört
tief in die lautlose Erde
des weichen Herzens dringen,
unmerklich, um dort
zu warten, bis Licht es werde
morgen und Früchte bringen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN DER WEITE

In der Weite
eine Bergspitze
wolkenumschlungen

So entfernt, so entrückt
sie mir scheint, ist sie trotzdem
irgendjemandem Zuhause

Vielleicht einem Vogel
vielleicht jenen Wolken
vielleicht einem Wesenhaften

Vielleicht diesem Gedicht,
diesem Gedanken, dieser
Sehnsucht in mir nach der Weite.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEMUT UND BESCHEIDENHEIT

Es gibt Momente, in denen
wir uns besser dünken als wir sind,
vielleicht weil wir es auch tatsächlich sind,
aber dann befinden wir uns unter jenen,
deren Zeit es ist zu führen,
egal ob sie richtig, falsch oder ver-führen;
wir sind gefangen in ihren Plänen,
denn wir müssen alles erleben -
Führung und Unterdrückung durchleben -
und reifen durch unsere Tränen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER LERNWEG

Nichtsdestotrotz
möchte ich Dich bitten,
Weg, weiter zu gehen,
ob wohl, wund geritten,
meine Reifen, ich meine
mein Begreifen von Dritten,
bereits ausgereift ist -
dritte Reiche, dritte Sitten.
Man lernt nie aus,
nie aus anderer Fußtritten
und deren Berichten darüber;
nein, selbst durchschritten
muss man gefrorene Seen haben,
auf dünnem Eis ausgeglitten
sein, gebrochen, mit Lügen
und mit Schatten gestritten
haben, uralte Vorurteile, neu
institutionalisiert, selbst erlitten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KURZE BEGEGNUNGEN

Begegnungen,
die kurzen und die vergänglichen,
weil intensiv, mutieren zu unendlichen
Erinnerungen.

Nicht die Länge der Geschichte,
sondern die Tiefe der ihr innewohnenden Gedichte,
weckt die ewigen Empfindungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HONG KONG

Die Wolkenkratzer
in die Breite
in die Höhe
in die Tiefe
bis weit in die Ferne.

Städte sind von Menschen
verfasste Briefe, geschrieben
auf Papier aus Himmel und
Wolken, lesbar nur von oben -
begreifbar nur von unten.

An wen sind sie adressiert
in diesem einsamen Universum?
Wir kommen gehen kommen gehen
zwischen Berg und Meer und
erleben Fremdes und Dejavu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

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DIE SACHE SELBST

Ein Haus stand neben einem Fluss
Doch es ist der Fluss, der heute noch steht
Und das Haus, das weggeflossen ist.

Der Reisende ist immer an seinem Ziel.
Der sein Ziel erreicht hat
Spürt irgendwann wieder die Sehnsucht
Nach einer höheren Form der Vollkommenheit.

Die Formen ändern die Gestalt ihrer Erscheinung
Die Sache selbst bleibt, was sie ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEIN TAG OHNE SCHÖNHEIT

Der Zug fährt ab
und fernab der Gegenwart
kommt er im selben Moment an.
Alles ist immer Gegenwart.

Herzen berühren ist schön
Herzen brechen ist schön
Herzen begegnen ist schön
Herzen verlassen ist schön

Nur, mach es in der Gegenwart
Heb es nicht für morgen auf -
Ein Tag ohne Schönheit
ist ein Tag vertan

Ob Schmerz, ob Genuss,
ob Freude, ob Verlust,
es ist alles schön
wenn der Geist daran wächst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung