Inmitten des Lärms Finde ich einen schweigsamen Ort Tief in mir. Achte nicht auf meine Worte, Folge meinen Augen und triff mich dort. Ein Moment genügt, um Dich zu finden. Um mich zu finden, musst Du Dich finden. Um Dich zu finden, musst Du den Lärm überwinden. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
von Orten und Zeiten und Gefühlslagen
SCHWEIGSAMKEIT
Ich sterbe den Tod der Worte Wenn die Empfindungen eine Tiefe streifen Jenseits der verbalisierbaren Innenorte. Nur die Schweigsamen werden mich begreifen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FRANKFURT FLIESST
Diese Stadt lange mir verschlossen öffnest Dich mir unerwartet tief und zart. Wer hätt‘s gedacht? Wir sind Artgenossen. Wie viel Vielschichtigkeit haben wir gemeinsam? Wer unser Inneres erreichen will der muß ehrlich sein und geduldig und einsam und egal wie laut nebenbei auch still. Und am allerbesten ist der Fluß dessen Anfang und Ende keiner sieht Viele starren hinein und fassen den Entschluss dem ebenso zu folgen, der sie anzieht. So fließen wir weiter mit, bauen weiter, wachsen immer weiter - Wir sind der Welt der Querschnitt und unserer Zukunft die eigenen Wegbereiter. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FLUGZEIG
Ich zeig Dir die Welt Jenseits Deines Erlebnishorizonts Wo Deine Gedanken nicht erreichen Da fliege ich Dich hin und zeig es Dir Menschen die ähnlich aussehen wie Du und anders denken Menschen die anders aussehen wie Du und ähnlich sich verhalten Nur ein Flug und ich zeig es Dir und mehr Und wenn Du da bist, zeige ich Dir, aus der Ferne, dort, wo Du her kommst Und Du wirst sehen, Du hast es nie verlassen - Auch das zeig ich Dir mit nur einem Flug: Ich zeig Dir den Weg wieder zu Dir und ich zeig Dir Dich. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FLIEGEN ÜBER WOLKEN
Ein Flügelpaar schwingt reglos durch die Luft Die Ferne ruft und ruft und ruft… und ruft. Ein’ brennend’ Sehnsucht überbrückt die Kluft zwischen Vorstellung und Duft Ein Flugzeug kennt die Einsamkeit nicht - Ist Reisen ein Drang, eine Freude oder Pflicht? Von unten sind die Wolken drückend und dicht Von oben sind sie mir bloß ein Gedicht Ein Haufen Gedanken, vielförmig, ohne Ziel in die wie Blitz plötzlich eine Empfindung einfiel aufwirbelte, neuordnete, verdichtete: Regenspiel. Wenige Wolken erzeugen in mir Gedanken viel. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KEINE HEIMAT
Deine Augen saßen wie tote Steine auf Deinem Kopf Die waren offen, sahen alles, begriffen nichts Dieses Unbegreifen angesichts der Tatsache, daß klopf-klopf-klopf-klopf, unsere normalen menschlichen Taten an die Türen Deines Herzes ungehört appellieren, bewirkt die Weltenwende: wir rebellieren, geraubt von allen unseren Heimaten. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
IN DER GEGENWART
Ich lebe in der Gegenwart Und habe ihn nie verlassen Such mich in der Vergangenheit nicht Ich habe dort nie gelebt Du würdest mich verpassen. Immer lebte ich in der Gegenwart Erreichte niemals die Zukunft Ich bin Zuhause in der Reise Und die Reise ist die Gegenwart Ist ständig Ausbruch, Erleben, Ankunft. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UND SCHÜTTLE MICH FREI
Einzeln standen Einzeln guckten Einzeln schwiegen Die Bäume am Straßenrand Wie kalte Grußworte der Stadtmenschen Fuhren die Autos teilnahmslos vorbei Die Nacht war voll mit dunklen Gedanken Die schwer auf mein Gemüt niedersanken Ich schreibe ein Gedicht und schüttle mich frei. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MANN
Du weißt nicht, was Du ertragen kannst Bis Du es ertragen musst. Du weißt nicht, was Du überleben kannst Bis Du es überleben musst. Wie fühlt es sich an, Wenn eine ganze Gruppe Jagd auf Dich macht? Wie fühlt es sich an, Wenn ein Auto aus dem nichts in Dich kracht? Es fühlt sich wie das Leben an Wo Du nicht weißt, wem Du vertrauen kannst. Es fühlt sich wie das Leben an Wo Du lernst, daß Du Dir selbst vertrauen kannst. Der Samen stirbt in der Erde Eher er zum Baum wiederauferstehen kann. Mein inneres Kind starb auf der Erde Damit ich wiederauferstehen konnte als Mann. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER DUFT VON WASSER
Luft! Luft! Luft! Euer Wasser ist blau Ist klar, ist sauber, ist schön… Aber ich kann nicht atmen - Ich muss auftauchen! Luft! Luft! Luft! Euer See ist eine Kluft Die uns trennt Euer Meer an Mehr ist eine Gruft In der meine Seele wie Asche brennt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
