Nicht große Dinge verletzen, sondern kleine. Nicht grobe Verrate perplexen, sondern feine. Vertraute, die über Dich schwätzen - schmerzlicher als Steine. Fremde, die Dich falsch einschätzen und Du bist alleine. Schmal ist der Pfad, eng die Tür, eine Wunde der Fluss, der führt zu mir. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
von Orten und Zeiten und Gefühlslagen
DAS MODERNE
Wie kann so viel Schönheit so wenig Schönheit beinhalten? Die schönsten Städte, Häuser, Straßen, Plätze, Kunst- und Architekturwerke, toll verkleidete Menschen, nett gestylte Lächeln. Wie kann so viel Schönheit So viel Wärme ausschalten? So viel Armut enthalten? So viel Einsamkeit kalt verwalten? So viele Gesellschaftsschichten spalten? Wie kann so viel Schönheit so wenig Schönheit beinhalten? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WAS KOMMT DANACH?
Was kommt danach? Wie sieht es aus? Ich habe es vergessen. Sicher gibt es Seen und Matten und Berge und Bäume und Menschen - Aber gibt es Palmen und Zypressen? Wenn ich mich recht erinnere gab es bei Durst Schönheit zum Trinken, und bei Hunger Wahrheit zum Essen. Ich seh einen Hain und eine Bank, vage, unscharf, aber mich dünkt‘s, ich habe dort schon mal gesessen. Ich sehe auch das Gesicht eines Menschen, er sitzt neben mir. Aber wessen Gesicht ist das? Wessen? Ein guter Freund, ich spüre es. Von vor langer langer Zeit. So lange her, ich kann es mit Verstand nicht messen. Nur seelisch spüren. Ein Ort der Güte, wo die Geister sich gegenseitig nur Gutes aufs Gemüt pressen. Was kommt mir nach der Erde, nach Nigeria und Deutschland, nach Biafra und Lagos und Hessen? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNSRE KLEINE NACHTMUSIK
Wenn wir wollen, können wir, sollen wir stöhnend in Mollen Liebe machen. Schlafen und aufwachen und weitermachen und lachen, in unsrer Nachtmusik verschollen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HAMBURG
Von oben zeigst Du mir Deine Wunden sie sind dem kalten Regen zugewandt und offen für spontane Tränen. Die in Deinen Adern wandeln: Ihre Sehnsucht ist Dein Blut, ausgegossen wie die Elbe zum See unserer Sehnen Ohne Hafen. Wozu bräuchten wir Hafen? Wir sind selbst der Hafen. Neugier ist unsere Währung, mit der wir alles zähmen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
OHNE ERINNERUNGEN
Ich habe Erinnerungen die ich manchmal lang vergesse - Die Erinnerung an diese Erinnerungen finde ich, ein Schwarzer Hesse, illuminierend. Denn sie erinnern mich an eine Zeit, bevor es mich gab und sie machen mich deren teilhaftig, weil ich ihren Geist in mir hab, neu orientierend. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
IN MEINER ERINNERUNG
Gesichter ohne Namen, Wo sind Eure Namen alle hin? Die Jungen, die Damen, Mir einst so nah, es war alles drin. Wo sind Eure Namen heute alle hin? Ab und zu eine Wiederbegegnung Mit einer fremden Person jedes Mal. Nur in meiner Erinnerung Leben meine Vertrauten immortal, Bleiben bei jedem Besuch original. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NGODO
Ich erinnere mich daran Wie lebendig die Nacht war Je dunkler sie wurde Das Dorf war ein tausend Geister Mein Vater war ihr Meister in meiner Fantasie Meine Mutter ihre Seele Sie sprachen mit mir ununterbrochen Du bist ein atmendes Wesen, sagte ich zu der Nacht, Aber da ich noch ein Kind war, sagte ich es nicht, Ich wusste es einfach Wir unterhielten uns bis die Sonne aufging Bis das Dorf ihrer Magie ein Gesicht wieder gab Und ich wusste, ich wohne in der Stadt, in Lagos, Aber nur hier, in diesem Dorf, Ngodo, Bin ich Zuhause. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SEHNSUCHT NACH SCHWEIGEN
Der Tag fing mit Schweigen an Und geht mit Schweigen zu Ende. Zwischen Anfang und Ende Gab es die Suche nach einer Freude Im Lärm, die nur Schweigen geben kann. Und alle - Freunde und Fremde, Alt, jung, reich, arm, Frau und Mann - Trugen lärmig in ihren einsamen Augen Dieselbe Sehnsucht nach dem Schweigen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER STURM KOMMT
Es wird dunkel Dunkler als je es war Es wird gemunkelt Der Sturm kommt Festigt Eure Wurzeln Und Dach und Fenster und Tür Wahre gute Eures Herzens Schlüssel Der Sturm kommt Er kommt Geblendet durch seinen Blutrausch Er kommt Entfacht Eures Mutes Funke Bereitet Euch für den langen Kampf - Es ist die Stunde des Dunkels Die Stunde seines Niedergangs. Der Sturm des Guten, er kommt auch! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
