MANN

Du weißt nicht, was Du ertragen kannst
Bis Du es ertragen musst.
Du weißt nicht, was Du überleben kannst
Bis Du es überleben musst.

Wie fühlt es sich an,
Wenn eine ganze Gruppe Jagd auf Dich macht?
Wie fühlt es sich an,
Wenn ein Auto aus dem nichts in Dich kracht?

Es fühlt sich wie das Leben an
Wo Du nicht weißt, wem Du vertrauen kannst.
Es fühlt sich wie das Leben an
Wo Du lernst, daß Du Dir selbst vertrauen kannst.

Der Samen stirbt in der Erde
Eher er zum Baum wiederauferstehen kann.
Mein inneres Kind starb auf der Erde
Damit ich wiederauferstehen konnte als Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER DUFT VON WASSER

Luft! Luft! Luft!
Euer Wasser ist blau
Ist klar, ist sauber, ist schön…
Aber ich kann nicht atmen -
Ich muss auftauchen!

Luft! Luft! Luft!
Euer See ist eine Kluft
Die uns trennt
Euer Meer an Mehr ist eine Gruft
In der meine Seele wie Asche brennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TÄGLICH SCHWARZ

Ich weiß nicht
Wie der Tag das macht
Mich verändert
Bis vor Mitternacht

Ich weiß nicht
Wie die Gesellschaft es schafft
Täglich mir zu nehmen
Und zu geben Kraft

Ich weiß nicht
Wie das Leben das kann
Jeden Tag zu zaubern
Aus mir einen neuen Mann

Nur eines weiß ich
Diese dunkle Haut
Ruft die vermittelnden Erlebnisse
Täglich und laut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MORGEN IST HEUTE

Ich stellte mir heute die Zukunft vor
Sie war ein Haus des Friedens
Ein Lächeln, eine Fähigkeit zu verstehen
Menschenarten gleichartig und verschieden

Dann stellte sich mir heute die Zukunft vor
Sie war zwei Menschen
Einer nennte mich Engel, einer mich Teufel
Gegen beide mußte ich kämpfen

Jetzt stelle ich mir keine Zukunft mehr vor
Die Gegenwart ist viel wichtiger
Viel witziger, viel hitziger, viel flüssiger
Viel farbiger, häufiger, und viel wirklicher.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WESENTLICH MÖGLICH

Mach einmal täglich das Unmögliche möglich;
Der Tag nimmt es mit und kehrt nie wieder zurück.
Mach kleine Dinge groß und große Dinge klein,
Finde in Deinem täglichen Kampf Dein Glück;
Löse Deines Geistes Rätsel, Stück für Stück.

Nimm Deinen Platz in der Mitte ein,
Nicht an der Oberfläche, nicht am Rand -
In der Mitte des Wesentlichen, meine ich.
Das Wesentliche sei innerlich Dein Land,
Tiefer als Gesellschaft, Genen und Sand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE GESCHICHTE DES RIESELNDEN BACHS

Die Nacht erzählt mir eine Geschichte
die ich nicht verstehe
dennoch höre ich gebannt verträumt zu
es ist eine gute Nachtgeschichte
über einen rieselnden Bach
der lief und lief und murmelte und gurgelte
und beim Zuhören fließe ich mit
und schlafe langsam ein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERKENNTNISSE

Abend ist wie Wein
Er entlockt mir alle meiner Geheimnisse
Ich lach, ich wein
Ich erinnere mich an meine Versäumnisse
Ich war niemals allein
Ich war immer allein
Meine Bedürfnisse sind meine Gefängnisse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE DU REIST

Die S-bahn ist voll mit Menschen
Und voll ohne Menschen
Leer mit Menschen
Und leer ohne Menschen
Es kommt darauf an, wo Du her kommst
Wie Du reist
Und wo Du im Leben hin willst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN DRIBDEBACH

Ich möchte meine Geschichte
wie Fußabdrücke in die Erinnerung
der Stadt eingravieren
ohne daß die Stadt es merkt -
Denn sie verhindert alles, was sie wahrnimmt.

Ich möchte, daß sie einmal in der Zukunft
sich umschaut und fragt, laut,
Seit wann habe ich diese Muttermale
unter und auf meiner Haut?
Meine Antwort: Ein Grabstein mit einem Kreuz.

Ich wurde nicht hier geboren
möchte aber hier sterben
wenn das letzte Gedicht geschrieben ist
alles, was ich habe, schon gegeben wurde
und nichts mehr von mir geblieben ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SONNE STEHT MÜDE AUF

Die Sonne macht die Augen auf
Ist sie heute gut drauf?
Schwer lesbar, wie ich meine

Die Sonne dreht sich zweimal um
Sieht sich schweigend um
Von ihren Gedanken sehe ich keine

Die Sonne steht langsam auf
Geht müde auf
Stellt sich wackelig auf die Beine

Die Sonne schickt einen Gruß herum
Stell sich erneut auf stumm
Und geht ihren Weg wieder alleine.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung