WESENTLICH MÖGLICH

Mach einmal täglich das Unmögliche möglich;
Der Tag nimmt es mit und kehrt nie wieder zurück.
Mach kleine Dinge groß und große Dinge klein,
Finde in Deinem täglichen Kampf Dein Glück;
Löse Deines Geistes Rätsel, Stück für Stück.

Nimm Deinen Platz in der Mitte ein,
Nicht an der Oberfläche, nicht am Rand -
In der Mitte des Wesentlichen, meine ich.
Das Wesentliche sei innerlich Dein Land,
Tiefer als Gesellschaft, Genen und Sand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE GESCHICHTE DES RIESELNDEN BACHS

Die Nacht erzählt mir eine Geschichte
die ich nicht verstehe
dennoch höre ich gebannt verträumt zu
es ist eine gute Nachtgeschichte
über einen rieselnden Bach
der lief und lief und murmelte und gurgelte
und beim Zuhören fließe ich mit
und schlafe langsam ein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERKENNTNISSE

Abend ist wie Wein
Er entlockt mir alle meiner Geheimnisse
Ich lach, ich wein
Ich erinnere mich an meine Versäumnisse
Ich war niemals allein
Ich war immer allein
Meine Bedürfnisse sind meine Gefängnisse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE DU REIST

Die S-bahn ist voll mit Menschen
Und voll ohne Menschen
Leer mit Menschen
Und leer ohne Menschen
Es kommt darauf an, wo Du her kommst
Wie Du reist
Und wo Du im Leben hin willst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN DRIBDEBACH

Ich möchte meine Geschichte
wie Fußabdrücke in die Erinnerung
der Stadt eingravieren
ohne daß die Stadt es merkt -
Denn sie verhindert alles, was sie wahrnimmt.

Ich möchte, daß sie einmal in der Zukunft
sich umschaut und fragt, laut,
Seit wann habe ich diese Muttermale
unter und auf meiner Haut?
Meine Antwort: Ein Grabstein mit einem Kreuz.

Ich wurde nicht hier geboren
möchte aber hier sterben
wenn das letzte Gedicht geschrieben ist
alles, was ich habe, schon gegeben wurde
und nichts mehr von mir geblieben ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SONNE STEHT MÜDE AUF

Die Sonne macht die Augen auf
Ist sie heute gut drauf?
Schwer lesbar, wie ich meine

Die Sonne dreht sich zweimal um
Sieht sich schweigend um
Von ihren Gedanken sehe ich keine

Die Sonne steht langsam auf
Geht müde auf
Stellt sich wackelig auf die Beine

Die Sonne schickt einen Gruß herum
Stell sich erneut auf stumm
Und geht ihren Weg wieder alleine.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BRÜCKE ZU UNS

Ich dünkte mich
Ich find dieselbe Brücke
In jeder Stadt
Die ich besuche

Immer groß
Immer weit im Hintergrund
Aber … immer da

Jedem zugänglich
Der sich die Mühe machen will

Sie zu überqueren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JEDES MAL ANDERS

Niemand kehrt aus einer Reise unverändert zurück
Nicht Mann oder Frau, Mädchen oder Jüngling
Nicht Erinnerungen an Glück oder an Unglück
Nicht Gedanken, Versprechen oder ein Beweisstück
Und fürwahr auch nicht der Frühling.

Irgendwas an ihm ist anders dieses Jahr
Er kommt nicht wie sonst wie ein Eindringling
Sondern in kleinen Schüben wächst wie Haar
Reifer, nachdenklicher, wissender. Fürwahr:
Verändert hat sich erneut der Frühling.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHLAFLEID

Ob heute Nacht
unter einer Brücke
ein Obdachloser Sehnsucht
nach einem altgeliebten Lied verspürt
und es nur in seinem Gedächtnis
wieder hören kann, denn er hat weder
Handy noch Musikspieler noch Internet,
und er wird nostalgisch, dann traurig,
dann unruhig, nimmt seine sieben Sachen
und sucht sich einen Bahnhof
unter der Erde und dort
auf einer Bank unter dem grellen Licht
hüllt sich in einem dunklen Schlafsack – und schläft – ein…

Ob er, bevor er einschläft,
in seinem Kokon wie eine Raupe,
sein altgeliebtes Lied zu sich singt
und an einen Schmetterling denkt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FANG EINFACH AN

Aller Anfang ist schwer,
doch jedem Anfang wohnt
ein Zauber inne – daran eher
habe ich mich gewöhnt.

Denn im Anfang war nicht nur,
im Anfang IST das Wort,
das unerschöpfliche Nabelschnur,
dem alles Lenken gehört,

aus dem alles Werden wird.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung