HAT EINE WUNDE EIN ABLAUFDATUM?

Hat eine Wunde ein Ablaufdatum?
Wie lange muss sie bluten?
Wann ist ihre Blütezeit um?
Erdenleben oder Jahrzehnte oder Minuten?
Wie oft muss eine Entschuldigung
wiederholt werden als Bestätigung
wahrer Reue? Als Entschädigung.
Oder hat eine Wunde kein Ablaufdatum?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN TAG ZUHAUSE

Ein Tag Zuhause
fühlt sich manchmal
wie ein Es-war-einmal an

Ein anderes Zuhause
fern fern fern von hier
rückt fühlbar näher ran…

Ein Tag Zuhause
wie im Paradiesgarten
der Dich neu starten kann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERZSPAZIERGANG

Ich würde gerne unbemerkt
durch Dein Wald spazieren gehen
aber laut sind meine Schritte
leider, noch bin ich zu übersehen
Kaum tauch ich in Deinem Herz auf
so läufst Du mir wild hinter her
rufend, Hände nach mir streckend
Ich fliehe, jetzt ist’s wieder leer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LAUFE LEISE DURCH DIE LINDEN

Laufe leise durch die Linden
Wende Dich mit den Winden
Verbinde Dich ohne Dich zu binden
mit den Bäumen
und Du wirst Dich finden.
In der Natur Zauberräumen
gibt es keine Blinden.

Es gibt nur die, deren Herzen offen sind,
und die, die verloren haben ihr inneres Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NIRGENDWO

Wie weit bin ich gekommen
um hier zu sein?
Wo ist hier? IrgendNirgendwo.
Hier bin ich allein.

Hier ist Gleichschaltung
Hier ist Folgsamkeit
Hier ist Gruppenneigung
Hier ist Einsamkeit

Wie weit bin ich gekommen
um hier zu sein?
Wie weit muss ich noch gehen
um Zuhause zu sein?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DURCHREISENDE UND DAUERGÄSTE

Manche werden durch Dein Herz rennen
wie blinde Gäste durch Deine Wohnung
aber sie werden die Schätze nicht erkennen
die die Aufmerksamen erwarten als Belohnung.

Rufe sie nie zurück, lass sie weitergehen,
mache Dein Fenster auf, lüfte Dein Herz wieder.
Neugierige schauen ohne wirklich zu sehen -
Nur Feinempfindende lassen sich nieder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IM FREMDEN

Als ich die Treppe hinunter stieg
in den Keller, in mich, in den Krieg,
brauchte ich eine andere Stimme,
eine Sprache, die das Schlimme
in der Welt anders sah und beschrieb
als ich es bisher sprachlich betrieb -
So sprach sich aus mir eine dritte Lunge
in einer neuen, fremden, deutschen, Zunge,
denn wenn Du Dich besser sehen willst
musst Du Dich durch fremde Augen reflektieren,
und wenn Du Dich selbst tiefer verstehen willst
musst Du Dich in einer fremden Sprache artikulieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

500 JAHRE SPÄTER VIELLEICHT

Frage mich 500 Jahre später
wenn ich das 3. Mal wiederkehre
Frage erneut, 500 Jahre später,
über die Bewahrung meiner Ehre
in den Blicken der Einheimischen
gerichtet an die Ausländischen.

Heute wäre es zu früh
Morgen auch und übermorgen
Jeder Blick ist Dejavü
Täglich mache ich mir Sorgen
Aber vielleicht in 500 Jahren
werden wir Achtung erfahren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER DRANG NACH ENTWICKELUNG

Irgendetwas will,
es will raus -
In mir tobt April
wie ein Kind Zuhaus.

Lass mich hinaus
als Kind in die Welt -
ich komm zurück nach Haus
fertig und entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUF IMMERWIEDERSEHEN

Auf immer wieder sehen
Sonne und Morgendämmerung
kommen und gehen -
Dies ist ihre Begrüßung

Ich weiß nicht, wo Du bist,
wenn Du weg bist
Du weißt nicht, wo ich bin,
wenn ich weg bin

Nur eines wissen wir
jedes Mal, wenn wir gehen…
wir werden uns wieder
immer wieder immer wiedersehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung