Wer zu viel von sich selbst hält, hat zu Gott stets das falsche Verhältnis; Wer sind alle klein - sich vergrößern ist sich noch mehr verkleinern. Im langen Zeitalter der Herrschsucht, sucht die Eitelkeit machtlustig zu herrschen; sucht, den Drang, sich zu beherrschen, zu unterdrücken, macht gierig auf Sieg und Krieg, Sieg ohne Frieden, ohne Zufriedenheit. Nur Frieden ist Sieg - Die Waffe ist die menschliche Friedfertigkeit. Dazu ist die gestohlene Macht machtlos. Denn wer Macht braucht, missbraucht Macht auch. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
zum Nachdenken
FREMDE STADT
Ich laufe durch die Stadt. Ich spaziere durch die Gefühle der Passanten Und sehe diese an ihrer Statt. Ihre Gefühle sind Weltwanderer, sind Migranten. Die Menschen hier sind mir zwar fremd und neu, doch ihre Gefühle gleichen mir Bekannten, detailgetreu. In den einen Augen unzählige Fragen; In den anderen: Ich habe hier das Sagen; In anderen: Du bereitest mir Unbehagen, Du hier? - Wie konntest Du das wagen? In den einen Augen tastende Unsicherheit; In den anderen Sehnsucht nach Wahrheit; In anderen Erkenntnis der Mitmenschlichkeit; In den einen Augen klarer Verbindungsverzicht: Ablehnung oder Gleichgültigkeit? Weiß ich nicht. Doch manche sind einfach nur scheu. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
KULTURKAMPF
Die Fronten sind verhärtet Lächelnde Augen eisiger Freundlichkeit schütteln sich die Hände mit Feindseligkeit Alles wird einseitig bewertet Der gleiche Geist tobt blind auf allen Seiten bringt sich selbst überall täglich zum Leiden Die Welt wird allseitig gefährdet. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
ALLE ZUSAMMEN
Wir sind, unter der Oberfläche, eine Gesellschaft - egal was manche sagen. Enger als Gewerkschaft. Die Farben trennen uns nicht, machen uns nicht unvereinbar - Mehrere Züge bilden ein Gesicht, jeder für sich vielleicht unscheinbar, all zusammen eine Bürgerschaft. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
SELBST VERANTWORTLICH
Manche sind zum Hassen geboren. Gegen sie hast Du von vornherein verloren, bist Du zum Lieben auserkoren. Es gibt ein Licht, das aber höher ist, das höher als Hass, Politik und Waffen ist; eins, das Gottes, das des Grales ist. In mitten der gegenwärtigen Verwirrung vergessen wir oft unsre wahre Bestimmung: geistige Entwicklung, geistige Wirkung. Lass Dich zum Gruppenhass nie mitreißen gegen die „Schwarzen“ oder die „Weißen“ oder wie die Sammelworte alle heißen. Was Du in der Gruppe tust, belastet Dich. Aber wenn es gut ist, zählt es nur für Dich. Du bist für Deine Ewigkeit verantwortlich. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
GEWINN- UND VERLUSTRECHNUNG
Gewinnen ist verlieren. Wieviel musste ich gewinnen, um zu begreifen, wieviel ich dabei verloren habe? Verlieren ist gewinnen. Wieviel musste ich verlieren, um zu sehen, wieviel ich dadurch gewonnen habe? Ich bin umgeben von Menschen, die gegen mich und gegen alle gewinnen wollen. Für diesen Sieg werden sie, wie einst ich, alles geben und verlieren, was sie hüten sollen. Erst darnach, zu spät, werden sie verstehen, daß es doch nicht so schlimm ist, zu verlieren, um dabei richtig zu stehen, aufrecht zu gehen den Tugenden nach, die nach Oben führen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
GERISSEN
Deutschland, in Deiner Brust, wahrlich, schlagen stets zwei Herzen - Eins äußerlich, eins innerlich, und beide verursachen Dir Schmerzen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
OBERHEMD
Der Fremde ist nicht immer fremd Seine Haut ist nur sein Oberhemd Der alte Freund ist manchmal fremd Seine Haut ist bloß ein Oberhemd Unterm Oberhemd sind Unterhemd unter Unterhemd unter Unterhemd Du begegnest erst unter all den Hemden dem echten Freund oder wahrem Fremden. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
ICH KANN NICHT SCHLAFEN
Ich kann nicht schlafen, mein Herz sehnt sich nach ich weiß nicht was, nach Schöpfen und Schaffen, nach Erleben und Wissen, aber nicht nur das; nach Folgen und Hören und Beschützen auch jenes kleinen, zarten, tiefen Gefühls im Bauch, das das Richtige immer weiß, vom Zweifel keinen Hauch. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
REALITÄTSVERLUST
Irgendwann wird es Dir vorkommen wie ein Mär: Dein Glaube an die Reinheit, an die Macht der Kindlichkeit. Das wird der Tag sein, an dem Dein Bewusstsein für die einzig wahre Realität strauchelt und verloren geht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
