ERLEBNISFENSTER

Wo soll ich beginnen?
Mit Machen oder mit Sinnen?
Kein Ende will ich meinen Präferenzen -
kein Abebben meinen Potenzen -
doch alles Erleben hat seine Grenzen.

Ist kurz das Erdenleben?
Oder lang, die Fäden, die wir weben?
Das Erlebnisfenster lebt in Momenten
flüchtenden Sehnens, in Fragmenten
von Küssen, Händchenhalten, Argumenten.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Foto: Franz26/Picabay

Danke, Christine, für den Anstoß.

ZEITBOMBEN

Ist das Dein Frühling dieses Jahr?
Kriegsvertriebene/r. Renn! Lauf! Fahr!
So schnell so weit wie möglich,
Du und alle unsere Fragen zuzüglich.

Mit den Blumen steigen diesmal Bomben.
Blüten blühen – und bluten.
Zeitbomben lassen sich nicht mehr verplomben.
Kurz vor 12, die letzten Minuten.

Ist das unser Frühling dieses Jahr?
Wut lang aufgestaut ist aufgetaut –
Geht die Menschenliebe unter die Haut?
Eine alte Mär. Ist sie Lüge oder ist sie wahr?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLUFT

Diese schwache Ahnung
Du machst so viel
Wagst so wenig
Wagst so viel
Machst so wenig daraus

Als wäret Du und Dein Leben
ein Ehepaar, das viel bespricht
aber nichts sagt –
viel verschweigt
und alles dabei sagt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ODE AN DIE REIFE

Ein junger Baum
an den Fransen des Ganzen kokett gepflanzt
nimmer kann einen alten
mit Narben und Falten geschmückten ersetzen –
Jahre des Wachsens braucht er,
bis er so viel CO2 binden kann.
Erst muß er alt werden.

Eine junge Frau niemals
kann eine reife ersetzen –
Die Funzel tief im Fond ist, näher betrachtet,
ein zur Flamme gewordener Funke,
sorgfältig beschützt mit Taft und Takt –
ein geschütztes Dotter ungeschlagen –
Jahre der Sehnsucht, des Leidens, des Wissens.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIEDER HOLUNG

Ein Tag, so kurz,
ist größer
als die meisten Menschen wissen

Mein ganzes Leben
spielt sich jeden Tag im Kreise ab
Ich erlebe es in meinem Empfinden
und Gewissen

Die fehlenden Lächeln, blicklos –
Die Vorurteile, wortlos –
Die endlose Liebe zu den unmöglichsten Menschen
und bizarrsten Dingen – und Dich
werde ich immer vermissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DA WO DU BIST

Frag keinen nach dem Weg.
Er wird Dir nur seinen Weg zeigen,
nicht Deinen. Deiner ist eigen.

Er beginnt da, wo Du bist.

Frag keinen nach dem Landungssteg.
Er wird Dir nur seine Beine zeigen,
nicht Deine. Selbst mußt Du umsteigen.

Es findet da statt, wo Du bist.

Menschen können aussehen, wie Du –
Sie haben trotzdem eine andere Aussicht.
Menschen können anders aussehen als Du –
Sie verstehen trotzdem Veränderung nicht.

Zumindest die nicht, die die Deine ist –
Sie verändert Dich, und dort, wo Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTLOS

Denk an andere
denn die Schöpfung denkt an Dich.
Dieser Gedanke – wie eine Kette, ein Bündnis, ein Wanderer –
bindet wie Nervenfäden die ganze Welt an sich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUTER UND IMMER LAUTER

Mein Neujahr fängt nicht mit Feuerwerk an,
sondern mit Schweigen und innerem Glockenklang –
lauter in meinem Ohr als jeder Gesang –

nicht mit Feiern und Lachen und Reden,
sondern mit Nachdenken und Sinnen –
das, womit ernste Dinge immer beginnen.

Denn die Welt wird lauter und immer lauter,
und Jahr für Jahr frage ich mich subtil,
was sie wohl übertönen will.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER MITMENSCH ALS SPIEGEL

Manche Menschen ändern sich
wie das Wetter
Mal sind sie abweisender,
mal matter, mal netter –
Ich stehe schweigend am Fenster meiner Seele
beobachte sie von Innen
wie sie draußen mit jeder neuen Begegnung
der Welt begegnen wie mit neuen Sinnen.

Ich kann mich nicht sehen
Ich kann nur andere beobachten
Das Gesehene sei mir der Spiegel,
um auf meine Schwankungen besser zu achten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS SIE MIR ERZÄHLEN

Wasser
Glocken
Stille
Wachstum
Weiblichkeit
Licht
Schwert

Ich könnte weiter meine Inspirationen aufzählen –
Aber nein, denn wichtiger ist, was sie mir erzählen:

Mensch, Du bist Deines Schicksals Verfasser
Gib Dir Mühe, um es nicht zu verbocken
Verfolge dem Guten mit fließend eisernem Wille
Liebe – Liebe ist Reichtum
Weiblichkeit ehren ist Männlichkeit
Und wenn Dein Herz bricht
findest Du drin den Schatz mit dem höchsten Wert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung