WONNENBRAND

Manchmal willst Du ein Gedicht
weiter schreiben,
doch es ist schon zu Ende -
Du warst nur der Kugelschreiber,
niemals selbst der Schreiber.
Du spürst an Dir fremde Hände

doch die Berührung ist intim
und der Griff ist Dir wohlbekannt.
Ohne Vorwand
nimmt er Dich ganz in Besitz
und befreit Deine Sehnsucht
ihres letzten gedanklichen Gewand.

Und jetzt würdest Du so gerne
weiter machen,
doch der Höhepunkt der Wonnenbrände
wurde schon überschritten,
überschrieben.
Dreh Dich sanft um. Seitenwende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WEISS NUR MEIN HERZ

Was fühle ich für Dich?
Nicht mal mein Kopf weiß es -
Das weiß nur mein Herz.

Wohin bringt meine Sehnsucht mich?
Nicht mal mein Verstand weiß es -
Das weiß nur meine Empfindung.

Verstehen sie jemals, niemals, sich?
Ich taumele blind durch den Schmerz
und erwache erst in ihrer Überwindung.

Verstehen sie jemals, niemals, sich?
Meine innere Stimme erklärt‘s
aber Denken sieht nicht die Verbindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLÜCKLICH SEIN

Nochmal: Glücklich sein ist kein Wettbewerb,
sonst ist es kein glücklich sein mehr,
sondern unglücklich sein. Der Verderb
des Glückes kommt mit dem Seelenverzehr
durch das Besserseinwollen im Erwerb
dessen, was nicht erworben werden kann,
denn Glück ist ein als Nomen getarntes Verb -
werden muss es getan.

Und zwar so: Anderen Glück gönnen
beglückt die, die das können.
Andere glücklich machen
läßt im Macher das Glück erwachen.

<em>Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZU VIELE GEDANKEN

Wenn Du Dir die Welt
vorstellst als Gedankenfeld,
dann ist kein Flugzeug schnell genug,
kein Internet Verbindung genug,
um Dir innerhalb der kurzen Zeit,
die wir ein Erdenleben nennen,
ein Erleben zu ermöglichen der Unendlichkeit
der Wege, die Erde kennen zu lernen,
und in Deinem Innenleben zu erkennen:
Das Paradies ist nicht in den Sternen -
Es ist hier in unseren Herzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE INNERE FEINDSCHAFT

Du wirst lang unter ihnen leben,
ihnen Dein Bestes, ihnen Helfendes, geben,
und dabei und daran wirst Du erleben:

Wenn Du äußerlich anders bist,
sogar bist Du auch ein Christ,
bleibst Du jedem inneren Rassist
ein wartender Terrorist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

APRILMORGEN

Die Sonne scheint
aber die Luft ist eiskalt.
Der Wolken Teint
hat den azuren Himmel bemalt
mit weiß, grau und dunkelgrau.
In grüner Gestalt
stellt sich der Wald zur Schau,
mit hier und da buntem Blumengehalt.
Nur Tiere fehlen irgendwie.
Eine schlichte Einfalt,
eine zarte strenge Harmonie,
durchdringt der Natur Gewalt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DICHTEN OHNE ERWARTUNG

Ich habe gelernt, als Dichter
nie nach Ruhm zu trachten,
möchte ich meine Aufgabe,
das Innenleben zu beobachten,
richtig erfüllen, unbeeinflusst davon,
wie andere mich betrachten,
ob Geliebte, Käufer oder Spötter -
darauf darf ich nicht achten.

Wer zum Geist des Zukunftsmenschen
sprechen will, darf heute nichts erwarten -
weder von Freunden noch von Feinden -
sondern säen, dann gehen aus dem Garten.
Empfinden, schreiben, sterben und warten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NICHT ANNÄHERND NAH

Annäherung
ist eine Form
der Distanzierung.

Nichts entfernt sich schneller
von einander als nicht zueinander
Passendes, das sich zueinander findet
und herausfindet,
daß sie nichts Bleibendes verbindet.

Eine letztmalige Annäherung
ist allzuoft die Vorstufe
einer endgültigen Trennung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE VERLORENE TIEFE

Wann haben wir uns verloren,
unser Herz, unsere Weichheit,
die Natur, in der wir geboren
wurden, altmodische Weisheit?
Wann sind wir so fortgeschritten
geworden und innerlich zerstritten?

Einfache Lieder befriedigten uns,
ehrliche Worte genügten uns,
im Kern unseres Denkens und Tuns
waren Werte. Sie beschützten uns
lange vor diesem modernen Unding,
das wir ohne sie heute geworden sind.

Wer die Vergangenheit verloren hat,
der kann sie sich nicht mehr vorstellen -
begreift nicht mehr die märchenhafte Tat
ohne ihren Sinn modern zu entstellen.
Es war einmal eine bessere Menschheit,
eine Zukunft vergessen in Vergangenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR MÜSSEN NICHT GLEICH SEIN

Wir sind, was wir sind.
Jeder ist seines Geistes Kind.

Wir sehen, was wir sind.
Darüberhinaus sind wir blind.

Aber wenn wir zusammen sind
spüren wir die Verschiedenheiten
die durch Sehnsucht verbunden sind
in den heutigen verwirrenden Zeiten.

Wir sind, was wir sind.
Wir müssen nicht gleich sein
um eins zu sein.
Das geht auch, wenn wir verschieden sind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung