EIN HAFEN NAMENS ABEND

Dieser See
in dem wir täglich beinahe ertrinken
schwere Umarmung, mit Verzweiflung ringen

Hoffnungslosigkeit
in die wir täglich hinein sinken
uns, selbst und gegenseitig, fast umbringen

Der Abend
sieht uns aus der Ferne verzweifelt winken
flüstert täglich dem Tage zu: gutes Gelingen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEFANGENE UNSERER GEDANKEN

Kam schonmal zu Dir der Gedanke,
daß unsere Gedanken
uns manchmal beobachten,
ähnlich wie wir im Zoo die Tiere beobachten
in ihren Käfigen?

Eben dieser Gedanke
gesellte sich heute zu meinen Gedanken
und fing an, mich zu beobachten.
Ähnlich wie wir im Zoo Tiere beobachten
in ihren Käfigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÄTSEL: ANGST

Die Angst ist ein Rätsel.
Wer sie nicht hat,
kann sie schwer kriegen.
Wer sie hat,
kann sie schwer besiegen.
Eine unsichtbare Fessel.
Wie man sie bekommt,
das kann keiner wirklich sagen.
Warum kann der eine, und
der andere nicht, den Mut wagen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZU NEHMEND

Noch einmal
Denn einmal
Ist nicht genug

Der Mond kommt
immer und immer
wieder zur Nacht

Mit der Nacht
In der Nacht
Davor und danach

Wiederholung
Wieder Erholung
Wiederholung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTBEDARF

Die Nacht hat einen großen Bedarf
Ich bin gefühlt ihr zweites Selbst
Sie will mich schlucken, ganz
Ich will sie überwinden wie Distanz
Sie ist gefüllt mein zweites Selbst
Voll mit allem, was ich nur nachts darf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTRUHE

Ich mag ruhige Abende
an denen meine innigsten Gedanken
es sich aus ihrem Versteck wagen.
Heute Nacht werde ich erneut tanken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HABEN OHNE SEIN

Du darfst aus meiner Kultur schöpfen
Daraus was Neues machen
Ich werde aus Deiner Kultur Sachen schöpfen
die alt waren, ich werde sie neu machen.

Nicht die Kulturen bilden die Trennlinien
sondern die Ansichten, die behaupten
es gäbe zwischen uns unüberquerbare Linien -
Alle Andersdenkenden tun sie enthaupten.

Ist es so schwer, leicht zu sein?
Ist es so leicht, schwer zu sein?
Besteht unser Sein nur aus Haben
ist alles, was wir haben, nur schweres leeres Sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS VERBINDENDE TRENNENDE

Rassismus weltweit wurde
auf die nächste Generation
bereits erfolgreich übertragen

Setze also keine Hoffnung
auf die übernächste Generation
die sie in ihrem Bauch tragen.

Er verbindet alle Nationen
und trennt alle Nationen –
und zeugt von unserem Versagen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DUNKEL

Du hast ein Hemd
Ich habe eine Haut
Du bist nicht fremd
Keiner schaut

Dir nach, wenn Du einkaufen gehst
Überwacht Dich, wenn Du an der Ecke stehst
Schaut schnell weg, wenn Du Dich umdrehst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PUZZLETEIL

Ich sehe Dich
Du bist ich
in der Zukunft

Was es bedeutet
bleibt mir ungedeutet
Botschaft ohne Auskunft

Teil einer Welt
die langsam entwickelt
eine neue Vernunft

Menschheit. Aufklärung. Zusammenkunft
von geistiger Herkunft
und irdischer Ankunft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung