ER MACHT, WAS ER WILL

Ich spüre Dich wieder nahe,
nicht als Körper. Du ahnst es: als Geist.
Denn immer wenn Du nah warst,
wurde ich von der Dichtung gestreift.

Heute hast Du mich bombardiert,
angesteckt und ohne Impfung geheilt,
in die Flucht getrieben, dann als Scherz
hast Du mich auch noch zugeschneit.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Foto by Lena

STRANDGUT

Wusstest Du, daß täglich
ein Strand Dir Gesellschaft leistet?
Denn, und ich spreche nicht von Deiner Seele,
eine Gesellschaft ist ein Strand.
Ne, ich spreche doch von einer Seele.
Kultur, Gedächtnis, Geschichte, Art, Sehnsucht
sind der Gesellschaft ihre Seele,
wie das Meer dem Strande,
das kommt und geht,
wegnimmt und hinterlässt.

Und so laufen wir täglich am Strand
durch die Stadt, durch das Dorf,
hinterlassen Fußabdrücke und Flaschenpost,
Trophäen und Träume, die
von der Volksseele geschluckt werden -
Und alles Strandgut, das uns täglich begegnet,
das Hässliche, das Schöne, das Neue, das Alte,
kommt aus der Tiefe der Volksseele,
zeigt sich kurz - und wird wieder geschluckt.
Wird wieder verborgen, gehütet und versteckt. 

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Spaziergang bei Ebbe am Wattenmeer, Nordsee. Okt 2020.

Nach dem ich mein heutiges Gedicht schrieb, kramte ich dieses „alte“ Foto von vor 2 Jahren aus. Der Nordsee und vor allem das Wattenmeer haben zu meiner Seele gesprochen.

ALLEINER

Heute höre ich das Schweigen
Warum ist das Schweigen so laut?
Und warum hört es keiner?

Das Schweigen, unauffällig
Wenn Menschen auseinander fallen
Bereits allein, und jetzt auch noch alleiner

Alleiner ist stärker als mehr allein
Das Mehr trügt,
Wo das Wesentliche immer weniger wird.

Das Schweigen breitet sich aus
Von Mensch zu Mensch, Haus zu Haus
Und wahre Gespräche werden weniger.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREFFPUNKT: ZAUBER

Wo bist Du, Einwanderer?
Bist Du wirklich hier?
Oder bist Du noch dort,
wo Du hierher gekommen bist?
Denn keiner kommt wirklich an. Niemals.

Wo bist Du Auswanderer?
Haben die es dort kapiert,
wenn Du mit ihnen redest und lachst,
daß Du noch nicht angekommen bist?
Denn keiner kommt wirklich an. Niemals.

Wie schön der Sonnenaufunduntergang
Magisch der Staffellauf der Jahreszeiten
Da spricht ein Geist, den Ihr so versteht
und ich anders - doch eines ist gleich:
Wir sind beide gleichsam verzaubert.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Che unter erwachenden Baum am Main. März 2022.

GESPRÄCH ZWISCHEN FRÜHLING UND WINTER

Was hast Du gestern der Erde hinterlassen?
Fragt der Frühling den Winter.
Dein Schnee ist geschmolzen
Dein Eis ist aufgetaut
Von Dir ist nichts übrig geblieben.

Ich habe vertiefte Seelen hinterlassen
Habe Träume aus ihrem Schlaf geweckt
Habe aus Lieben und Hassen
Empfindungen in Herzen tief versteckt
die aus meinem Eis Deine Flüsse gebaren,
Deine Schuhe.

Was kann ich morgen der Erde hinterlassen?
Fragt der Frühling den Winter.
Meine Blumen werden lang leben
doch selbst sie werden welken -
Meine langen Tage werden kürzer werden.

Kann das Lachen je verlernt werden,
mit dem Du Herzen anstecken wirst?
Du bist der Anfang aller alten Erden
und aller neuen, die Du noch erwecken wirst -
und aus Deinen Flüssen wird einst mein Eis,
mein Ruhe.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Pic: Beats_Beats/Pixabay

ZEITEN UMSTELLUNG

Eine Stunde geht auf Reise
Wieder die verlorene Stunde
Ein Gast ohne Heimat
dreht wieder suchend seine Runde
Unentschlossen über Haben oder Sein
Ungeschlossen wie der Menschheit Wunde.

Die Zeiten verändern sich
Die Gewissheit ist in aller Munde.
Die Ungewissheit schneidet Kehlen,
spaltet Zungen, sprengt Bunde.
Während die Stunde immer näher kommt,
jede Minute, jede Sekunde.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRÜHLINGS BLUMEN

Sie kommen…
Wie Reisende aus einer anderen Welt
Besucher aus einer anderen Zeit
Breiten sich aus über Flur und Feld
Und verleihen ihnen ein neues Kleid

Sie kommen…
Wie neugierige Kinder aus ihrem Haus
Wie Sterne auftauchend aus dem Nichts
Drängen ungeduldig in die Welt hinaus
Und in mein Herz hinein leichten Gewichts

Sie kommen…
Wie erregte Liebhaber, langsam, schnell,
Plötzlich, auf dem Land und in der Stadt -
Naturfarben, schöner als Pastell,
In Blume und Baum und Halm und Blatt.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung



Fotos: Che Chidi Chukwumerije

MACH WAS FÜRS KLIMA

Wie viel Politik kann die Politik verändern?
Erstaunlich wenig ohne Menschen.
Wie viel Welt kann die Welt bewältigen?
Nicht mal ein Dorf ohne den Menschen.
Der Mensch wie der Morgen
ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft;
wie der Senfkorn klein in seiner Herkunft,
groß bei seiner Ankunft;
wie die Nacht, zur Hälfte Tag; wie der Tag, zur Hälfte Nacht;
Wie viel Erde kann der Mensch schützen?
Wie viel Klima kann der Mensch stützen?
Er wird‘s nicht wissen, bis er etwas macht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAHRT VON MÜNCHEN NACH FRANKFURT

Es ist kälter in München als in Frankfurt
und wärmer auch –
Es kommt darauf an,
ob Du die Menschen anlachst.

Es ist billiger im Dorf als in der Stadt
und teurer auch –
Es kommt darauf an,
welchen Fehler Du machst.

Ich bin nigerianischer als deutscher
Oder auch nicht –
Es kommt darauf an,
wer mich gerade ausschließen will.

Ich fahre von München nach Frankfurt
Oder auch nicht –
Denn meine Gedanken sind wo ganz anders
und sie bleiben nie still.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS LACHEN DEINES HERZENS

Manchmal läufst Du viele Meilen,
an vielen allein laufenden Menschen vorbei,
und bist gefühlt immer noch allein.

Manchmal singst Du viele Lieder,
in mitten vieler schweigender Menschen,
und hörst immer noch keinen mitsingen.

Manchmal liebst Du viele Menschen,
überlässt jedem ein Stück von Dir
und bekommst nichts Greifbares zurück.

Dennoch lachst Du morgen wieder,
denn das Lachen Deines Herzens
ist das einzige, was Dich noch am Leben hält.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung