SELBST SCHULD

Die Kamera hat gewackelt
Das Bild war unklar
Dein Mut hat gewackelt
Du warst nicht da
Gib nicht der Kamera die Schuld
Gib nicht dem Mut die Schuld
Alles, was Dir wurde
Tatest Du selbst mit Herz und Hand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALTER

Wenn man die Blätter zählt
Die vom Baume gefallen sind
Ist er alt…
Wenn man die Blätter zählt
Die dem Baume am Entsprießen sind
Ist er jung…

Bin ich so alt,
Wie meine Werke hinter mir?
Oder so jung
Wie die Träume in mir?
Was ist die Zeit? Was ist das Alter?
Wann beginnt und endet mein Zeitalter?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ICH BEZOGEN

Am besten würden wir
wenn wir könnten
umgeben von Spiegeln nur
verkleidet und gekrönt
herum laufen –

Wir sähen keine Fremden mehr
keine Andersartigen
keinen mit ner Gegenmeinung –
Nur den uns bekannten Lügner,
dem wir alles gerne abkaufen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GLOCKE

Sprache
Abgekoppelt von Kultur
Geht auf eine Reise um die Welt
Und in die Innenwelten fremder Menschen

Weltenwanderer
Mit was wirst Du zurück kehren?
Als was wirst Du zurück kehren?
Vollbeladen oder ausgeschöpft?

Sprache ohne Geschichte
Reist in die Zukunft hinaus
Und wird zur Sprache, mit der
Geschichte geschrieben wird.

Eine Glocke klingt, singt, spricht
Erweckt in Dir Deine innere Glocke…
In welcher Sprache auch immer sie ausbricht
Bleibt sie ewig die selbe Glocke.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

APPETIT FÜR MUSIK

Aber Musik wie Essen
sättigt und wärmt
füllt – und fühlt mit –
und erfüllt mich.
Wer singt und denkt guten Appetit?
Wer hört und denkt guten Appetit?
Wer tanzt und denkt guten Appetit?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WO SIND WIR?

Wo sind wir alle?
Wo wohnen wir in uns?
Klopf klopf – wer ist da?
Die Erinnerung an uns.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MEHR ALS FARBE

Anonym und incognito sein
Unsichtbar
Nicht extra und ständig wahrgenommen
Zu werden
Habe ich erkannt
Ist wertvoller als Silber und Gold.

Ist Schwarz eine Farbe?
Ich denke nicht.
Schwarz muß mehr sein, als nur Farbe
Es ist bestimmt was Anderes, das anzieht
Und abstoßt und Raum nimmt –
Sonst macht das alles keinen Sinn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MAHNMAL

Ich bin oben
Auf dem Berg
Ein Zwerg.

Ich bin unten
Im Tal
Ein Haufen Schicksal.

Was bin ich
Für Dich
Spiegelverkehrt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUTOBAHN (II)

Ich mag, wie Du zufrieden schnurrst
wie eine riesengroße blaue Katze
die von tausend Autoreifen
laut gekrault wird.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ABLENKENDE MAUERN

Menschen wie Mauer
Schwer zu überwinden
Ihre Freude, Ihre Trauer
Wie Farben den Blinden
Wir suchen und wir finden
Nichts zum Verbinden
Auf die Dauer.

Womöglich sind die Mauern
Gar keine Mauern
Womöglich sind die Masken
Gar keine Masken.
Womöglich ist unser Leben
Gar kein Leben
Nur eine Ablenkung vom Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung