Bei einem Treffen heute im Social Impact Lab Frankfurt sagte mir Dorcas Spitzhorn, daß sie sich von mir und meinem täglichen Dichten inspirieren ließ und am Samstag ein Gedicht schrieb! Wow! Dann musste ich auch noch das Gedicht von Dorcas – „DER TROPFEN – vor laufender Kamera vorlesen, was ich gerne tat. Der nigerianische Journalist Jahman Anikulapo war auch dabei.
DAS JAHR DER DEUTSCHEN DICHTUNG wird immer lebendiger 😊
ZUSAMMENZUG DER MENSCHLICHKEIT
Wie oft schon
In mahnendem Ton
Sprach ich zu meinen Kindern:
Vor Bus und Bahn
Und an Straßen entlang
Bleibet fern von den Rändern.
Vor unbeabsichtigtem
Schieben, Stolpern, Ausrutschen
Wollte ich sie schützen
Nie dächte ich
Daß absichtlich
Ein Mensch Unbekannten würd schubsen
Deines Bruders Hüter
Deiner Schwester Beschützer
Seid!, möcht ich ihnen nun zurufen.
Deines Nachbarn Wohlsein
Betrachte wie Deins
Und decke ihm seinen Rücken
Wir schließen die Lücke
Vor jeder Heimtücke
Wenn Menschen menschlich zusammenrücken
Neben dem Selbstschutz
Wandert der Nachbarschutz
Keiner kann sich selbst ganz schützen
Wenn Dunkel erwacht
Gewinnt Licht an Macht
Denn wir halten alle zusammen
Möge Gott der Mutter
Der getöteten Tochter
Beistehen – und wir auch. Amen.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
STRASSENLATERNEN
Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend
Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
MULTIKULTI-GESELLSCHAFT
Sie grüßte ihn gerne
Setzte sich jedoch gerne
Zu ihrer Art –
Er arbeitet gerne mit ihr
Feiert allerdings lieber
Mit seiner Art –
Gleich und gleich gesellt sich gern
Doch in unserem inneren Part, weich
Funkelt einsam in jedem ein Stern
Sie liegt nachts wach
Er liegt nachts wach
Und jeder sehnt sich schweigend nach
Der inneren Gleichart.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
HEIMATSUCHE
Afrika wandert aus
Die Welt marschiert ein
Bis Afrika wieder den Weg nach Haus
Gefunden hat, ist’s nicht mehr seins
Europa breitete sich kräftig
Über die ganze Welt aus
Nun betrachtet eben die ganze Welt
Europa als sein Haus
Es ist ein ständiges Geben
Nehmen und Entgegennehmen
Eine Neugestaltung der Zukunft
Folgt auf jedes Unternehmen
Obwohl Du O2 einatmest
Stößt Du CO2 hinaus
Der Mensch ist ein Weltenwanderer
Von der Welt verändert unterwegs nach Haus.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
REISEWARNUNG
Die Schienen, wie Schicksal,
Bringen die Züge
Zu ihrem einst erwählten Ziel
Das Schicksal, wie Schienen,
Bindet die Sünden
An unsere Seelengründe
Bringen Gedanken, wie Insassen
Zu ihrem Endziel
Egal ob es jedem gefiel – oder nicht.
Du wirst ab und an
Manch einen Menschen treffen
Buch lesen, Film sehen
Geschichte hören, Gedicht nachempfinden
Ab und an etwas erleben
Was Dich zum weiter streben
Zwingen will…
Schmerz oder Freude
Liebe oder Verlust
Für etwas machtlos leiden
Bei Hoffnung oder Frust
Es bewegt Dein Inneres.
Diese Momente…
Das sind unsere Zwischenstationen –
Manche steigen aus
Manche steigen ein.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
FLÜGE DES MORGENS
Es war einmal ein guter Morgen
Hell wie Glocken, denn Glocken
Sind glücklich wie ein Kind ohne Sorgen
Der Morgen war das lachende Kind
Der Schöpfung –
Staunend schaute der Morgen
Aus tausend träumenden Augen heraus
Auf Gedanken, die lange verborgen
Im Tal der Nacht sich nach Licht sehnten
Und der Morgen fühlte sich geborgen
Auf den Flügeln seiner eigenen Kindlichkeit –
Und während die Sonne,
Vater des Morgens, stieg und strenger wurde
Und in den Menschenaugen
Der Morgenglanz langsam ersetzt wurde
Durch Menschenblick, seufzte sanft
Und freundlich der träumende Morgen
Ein letztes langes leises Mal
Genoß den Augenblick…
Und ahnte das Ende seines Lebens.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
MAIN AN FRANKFURT
Wir tauchten aus dem Tunnel auf
Rosig-blau der Himmel gähnte
Schrebergärten, bärtig mit Laub
Der reine Main das Ganze ergänzte
Vieles verband und vieles trennte;
Von den Geheimnissen nichts erwähnte
Die er sammelt auf seinem Lauf.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
KEINE ZEIT
Auf einmal sehen die Menschen
Alt aus –
Als hätte der Junge
Ein Bühnenkostüm sich ‘rübergezogen
Und spiele jetzt den Greis.
Auf einmal gehen die Kerzen
Bald aus –
Beim Glanz der Flammenzunge
Schmilzt der schwere Mantel, wird ausgezogen
Es schließt sich ein Kreis.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
LEERE HÄUSER
Ich bin im Wald
Stundenlang gelaufen
Habe kein großes Tier gesehen
Ich weilte lang
Auf Meer und Fluß
Habe kaum Fische gesehen
Ich habe gelesen
Es gab mal Wesen
Menschen haben sie hellgesehen
Bin ich blind geworden
Oder die Häuser leer?
Denn ich kann… nichts mehr sehen.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
