EIN HAFEN NAMENS ABEND

Dieser See
in dem wir täglich beinahe ertrinken
schwere Umarmung, mit Verzweiflung ringen

Hoffnungslosigkeit
in die wir täglich hinein sinken
uns, selbst und gegenseitig, fast umbringen

Der Abend
sieht uns aus der Ferne verzweifelt winken
flüstert täglich dem Tage zu: gutes Gelingen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VOLL MIT MOND

Vollmond über Torrelles de Llobregat
Der Abend wiegt schwer
und liegt leicht auf meiner Nacht,
wiegt schwer, weil der Mond,
ich beobachtete ihn, und schöpfte Verdacht,
der Mond, der Mond ist schwanger -
Und jeder, der heute Nacht Dichter spielt,
wird zu seinem treuen Handlanger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDWEIN

Deine Worte schmecken mir heute Abend
wie der Rotwein, der sie ausgelöst hat,
und der - noch schöner - meine Ohren
geküsst, aufgeweicht und geöffnet hat.

Ohren in Zungen küssen Zungen in Ohren, labend.
Wein und Blut und Fleisch, rot findet statt.
Wanderlustige Worte tun fließend hineinbohren
in das, was der Abendwein geöffnet hat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SANFT GROOVEN

Wenn alles ruhig geworden ist
und die frohen Stimmen aus der Kindheit
endgültig verschollen zu sein scheinen…

Wenn die Musik aus dem Speaker sanft groovt
und meine Widersprüche mittanzen
denn was soll man abends sonst machen?

Wenn Du aus meinem Seelenuntergrund schlüpfst
denn Du weißt, daß ich schwach geworden bin –
Ich habe den Kampf gegen mich verloren –

Welcher Held wird nicht zum Fall gebracht?
Welche Lüge ist nicht insgeheim die Wahrheit?
Welcher Erwachsene vermisst sein inneres Kind nicht?

Auf Wiedersehen, Du.

Lümmelnd groovt der späte Abend dahin..
Schweifend tanzen meine Gefühle miteinander
Schweigend beobachte ich mein inneres Ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DANKE FÜR DEN TAG

Danke für den Tag
für den Kampf mit mir selbst
für den magischen Wechsel zwischen Morgen und Mittag
für die Phasen, in denen ich mich vergaß,
denn genau dann war ich mein wahres Selbst.
Danke für die Trockenheit, die Nachmittag heißt,
denn ein Tag besteht aus vielen Welten.
Und wieder überraschte mich die Abenddämmerung,
ich weiß nie, wo sie herkommt …
noch weiß ich, ob es Wehmut oder Freude ist,
die ich empfinde, während ich
mit Augen zu schaue
mit Ohren lausche
mit Gänsehaut registriere
mit Herzen ahne,
wie der Abend langsam der Nacht weicht,
die von der Zukunft heran schleicht,
jede Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDDÄMMERUNG

Der Tag stirbt in Stufen
In Schichten entkleidet sich der Abend
Etappenweise fällt nach und nach die Masken ab,
mit denen wir uns ablenken
vor unserer nackten Wahrheiten

Und bis die verschiedenen Phasen des Abends
wie geistige Besucher eingeschlichen und
wieder weggezogen sind, und die Nacht
wie ein Dieb eingebrochen ist,
erkennen wir den Tag nicht mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung