HERBSTSINN

Wollen wir älter werden
ohne jung gewesen zu sein?
Wollen wir jung bleiben
ohne reifer zu werden? Nein.

Wir wollen jung sein und alt,
Komplexität haben und Einfalt,
sowohl Haltlosigkeit als auch Halt -
herzenswarm und verstandeskalt.

Denn der Frühling erwacht in uns
Der Sommer ist unser rauschendes Blut
Der Herbst, dichtend, sinnt in uns
Der Winter ist unser werdender Mut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALT WERDEN UND JUNG BLEIBEN

Mein Kopf ist müde
und möchte schlafen
Mein Geist ist unruhig
und möchte aufwachen

Mein Kopf will sich einfach
nicht mehr aufraffen
Mein Geist will rennen
erleben, leiden und lachen

Mein Körper wird täglich langsamer
Mein Geist wird täglich schneller
Mein Augenlicht schwindet
Meinem Geiste wird alles heller

Alt werden ist das Tor
zum jung bleiben -
Danach ist Davor…
schwer mit Worten zu beschreiben.

Die Gegenwart will die Ewigkeit einverleiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER NATÜRLICHE WEG

Eine ist tot, ihre Seele ich weiß nicht wo,
ein anderer - der war so freundlich - ebenso,
eine andere liegt heute tapfer im Krankenhaus,
einer ist jetzt zu schwach, sitzt nur noch Zuhaus,
eine weiß nicht mehr, wer ich war und bin,
ich umarme sie trotzdem alle in mir innen drin,
denn auch ich werde, wenn ich Glück hab,
eines Tages alt werden, dann folgt das Grab.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BESINNE DICH DEINES HERZENS

Wenn alles, wenn alle weg sind,
Gesellschaft, Pflichten, Frau und Kind,
bleibt von mir und meinen Träumen was übrig?
Jugendliche Empfindung, einst quecksilbrig,
langsam stumpf gerieben unter Haaren grausilbrig
geworden, verweht mit dem Wind.

Die Aufgabe des Erwachsenen und des Greisen ist es,
die reine und kindliche Klarheit des Kindes
und die tiefen Empfindungen des Jugendlichen,
der er einst war, nun restlos zu verwirklichen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WERTVOLL

Er kam früh
Blieb lang
Jetzt ist er alt

Ich schaue ihn an,
wie er dahinschwindet,
einsam in einem Fremdland

Keiner besucht ihn
Und ich frage mich:
War es es Wert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung