ZEIT ZUM KENNENLERNEN

Wir werden älter
ohne älter zu werden
als wäre unser Körper
süchtiger auf Sterben
als wir selbst.

Plötzlich ist mein Körper
nicht mehr meiner
sondern ein kalter Fremder.
Sein Weg ist seiner -
und er verwelkt.

Laß uns deshalb schnell
die Zeit nutzen -
uns finden, kennenlernen,
lieben, unterstützen
bevor er wegfällt.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT VERWALTEN

Sehnsucht verwalten unsichtbar
Lachen behalten im Herz unvernichtbar
Vom endgültigen Verzagen unantastbar
Und niemals altern

Verlust ertragen und wieder aufleben
Liebe ver-geben und erneut vergeben
Nach Unerklärlichem lebenslange streben
Und niemals altern

Jede Lebensphase genießen tief
Krabbelnd, träumend, aufrecht und schief –
Binden locker und binden intensiv
Und egal wie das Leben windend verlief…
Niemals altern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAUE HAARE

All die Jahre waren Haare,
üppig und schön gemacht –
wurden grau und dünn und wenig
und jetzt sind sie weg

Nun steht die Zeit still
wie eine Glatze, widerspiegelt
das endlose Warten auf einen Zug,
der schon abgefahren ist.

Und die stille Zeit
wie die Stille Nacht
wird zum tiefen Meer der Erinnerung
und des Schöpfens ewiger Jugend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN LEBEN

Die Jahre fallen
Wie Glockenschläge
Wie Fußtritte
Wie wiederholte Heiratsanträge
Wie tausend Mini-Entscheidungen
Auf all unsern Wegen
Getroffen mit der Hoffnung
Auf viel Glück und viel Segen.

Blatt für Blatt
In Sonne, im Regen
Die Blätter fallen
Auf all unseren Wegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN ENTFALTEN

Die Gespräche fingen an
sich innerlich zu wiederholen
Dennoch veränderten sie sich
in ihren äußeren Inhalten

Sie selbst wurden älter
wurden zu Symbolen
Vergaßen ihre neuen Worte
Erinnerten sich nur an die alten

Sehr leicht auszudrücken
in den einfachsten Parolen:
Ich liebte mal Deine glatte Haut,
jetzt lieb ich Deine Falten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JÜNGLICH ALTERN

Mein Leben rast mit Geisteseile
durch meine Jahre hindurch
und macht mich älter schneller
als ich es überhaupt fassen kann

Und atemlos, pausenlos, gedankenlos
renne ich ihm hinterher
und versuch, mich länger jünger zu halten
als ich die Jahren überhaupt noch zählen mag.

Doch einer zählt nicht mit
Amüsiert sitzt er auf meinem Rasen
und genießt die wilde Fahrt durchs Leben
und bleibt still und ruhig, mein Geist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALTER

Wenn man die Blätter zählt
Die vom Baume gefallen sind
Ist er alt…
Wenn man die Blätter zählt
Die dem Baume am Entsprießen sind
Ist er jung…

Bin ich so alt,
Wie meine Werke hinter mir?
Oder so jung
Wie die Träume in mir?
Was ist die Zeit? Was ist das Alter?
Wann beginnt und endet mein Zeitalter?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ELTERN SEIN

Wenn Dein Kind erkrankt
Stirbst Du
Und wenn er dabei Dich anlächelt
Wirst Du neugeboren
Und fühlst Dich gleichzeitig
Machtlos und verloren.

Ein Tod nach dem anderen
Merken wir
Wie wir langsam altern…
Ein Lächeln nach dem anderen
Erleben wir
Wir sind wirklich ihre Eltern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HAUT REIN

Mein Haut ist Kraut
Und zäh und laut
Würzig gebaut
Ist aber auch nur Haut
Verwundbar empfindlich zart

Ich kann sie an und ausziehen
Ihr nennt das Geburt und Tod
Ich denk an meinen Ausgehmantel
Der altert langsam oder wird beschädigt
Und muß eines Tages ausgewechselt sein.

Ist ein Migrant ein Einwanderer
Oder ein Auswanderer? Was überlegt
Er sich nachts, wenn er sich einsam fühlt
Und ahnt, hier komme ich nie an –
Zurück oder bleiben oder weiterwandern?

Die Haut aber weiterhin ergraut
Während es sich auf der Erdenbahn staut
Menschlein, Menschsein ist Mensch sein
Schön sein ist Mensch sein. Zuhause sein
Ist Mensch sein. Egal in welcher Haut.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KEINE ZEIT

Auf einmal sehen die Menschen
Alt aus –
Als hätte der Junge
Ein Bühnenkostüm sich ‘rübergezogen
Und spiele jetzt den Greis.

Auf einmal gehen die Kerzen
Bald aus –
Beim Glanz der Flammenzunge
Schmilzt der schwere Mantel, wird ausgezogen
Es schließt sich ein Kreis.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung