EIN GEDULDETES SEIN

Duldung.
Klischee innewohnend ich nicht versteh.
Anhaftende Anschuldigung.
Wer kam auf die Idee,
das Bleiben-dürfen eines Mitmenschen
als eine Duldung zu bezeichnen?
Wer kam auf die Idee,
die Würde eines Menschen zu nehmen
und im Schutz-gewähren ihn zu schämen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURT

Lang trug ich meine Heimat
wie eine ungeöffnete Reisetasche
auf meinem Rücken

Unbequem und unbequem machend
Stach ich in jeder Menschenmenge heraus
Denn ich wollte mich nie bücken

Schmerz ist ein Auseinandersetzen mit Freude
Einsamkeit ein Ringen mit Gesellschaft
Davor kann sich kein Ankömmling drücken

Doch auch die Morgendämmerung kommt irgendwann an
und die Stadt, die Dir einst so schwer war,
wird Dich zum Schluß beglücken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEUTSCHSEIN UND ICHSEIN

Wie viele Grenzen habe ich überquert
Auf der Zugreise von Frankfurt nach Berlin?
Die Hauptfrage war anfänglich:
Bin ich Deutsch genug, um Mensch sein zu dürfen
Auf deutscher Bühne?
Jeder Frage gebar eine Folgefrage,
Bis am Schluß die Frage lautete:
Ist Deutsch Mensch genug, um mich gewähren zu lassen
Im deutschen Wesen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEULAND

In den Brillen meiner Mitmenschen
erkenne ich, täglich,
daß ich noch Neuland betrete –
Lange nach dem ich Fuß fasste.

Der überraschte Blick überrascht mich
Der irritierte Blick motiviert mich
Der verwirrte Blick ist klarer als gedacht
Klarer noch als der böswillige Blick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEUTSCHE AUSLÄNDER

Es gibt so viele Menschen
die Deutsch sein wollen –
Nein, sie leben nicht im Ausland

Sie leben in Deutschland
haben den deutschen Paß
und sprechen die deutsche Sprache

Manche wurden in Deutschland geboren
sind in Deutschland zur Schule gegangen
und wollen jetzt sein, was sie sind

Nur eines sind sie aber nicht
Sie sind nicht Weiß
Mehr nicht

Und wenn sie sich umdrehen
und weggehen
verschwindet ein Stück Deutschland für immer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLEICH GEWORDEN

Wenn die Blicke nicht mehr treffen
Oder sich nicht mehr treffen
Oder nur hart
Wenn die Worte nicht mehr verletzen
Meine Ungleichart

Dann werde ich irgendwie traurig schon
Denn ich wäre härter geworden
Bedeutete das
Nicht schützen möchte ich mich aber
Nur mich öffnen…

Dann werde ich heimlich glücklich schon
Denn ich wäre stärker geworden
Bedeutete das
Nicht ungeschützt will ich, wund,
Täglich sein…

Dann wird es mir eigentlich egal sein
Aber nicht uneigentlich.
Also eigentlich.
Wenn Blicke nicht oder sich nicht oder
Nur hart treffen.
Mit und ohne Worte.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STEHEN

Ich ziehe auf mich
Tatsächlich noch Blicke
Verschiedenartigen Inhaltes
An denen ich ersticke

Sauerstoffmaske
Läßt mich noch grotesker aussehen
Doch Opferrollen
Sind mir fremder als mein Aussehen

Man steht, wenn man geht
Man geht, wenn man steht
Man gewinnt, wenn man verliert
So lange man sich nicht verliert

Und Achtung wird angezogen
Nicht anerzogen, sondern geweckt
Denn mein Geist war ausgezogen
Und stark zu werden ist mein Zweck.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WIR SIND

Wir sind wie Zombies
Leben in Deutschland wie
Schatten in einem Raum leben –
Nämlich nicht. Nur
An der Wand schemenhaft schleichen
Unstet, unsicher, bruchstückhaft
Unerfasst und unfassbar
Und fassungslos

Wie Geister tauchen wir aus dem
Nichts nachts auf
Tanzen laut wie entfesselte
Verzweifelten…
Lachen mit Mund
Fragen einander gegenseitig mit Augen
Was wir hier machen –
Nämlich nichts.

– Che Chidi Chukwumerije.