FRÜH AUF DER AUTOBAHN

Bist du blauer, Himmel?
oder bist du es, Autobahn?
Ihr müsst Euch endlich küssen
wo keiner Euch sieht
nicht mal ihr Euch selbst

aber schnell

bald steigt die Morgensonne
und sie verrät all eure Gedanken
wie Bäume am Straßenrand

und enthüllt die Wolken in euren Augen
und die lauten Autos,
wie viel zu viele fremde Worte
in eurem Schweigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KARWENDEL UMRISS

Wie eine sagenumwobene ferne Zukunft
In greifbarer Nähe…
Meine Träume sind gleichzeitig Herkunft

Der Erinnerungen, deren Umriße ich sehe
Geben undeutig Auskunft
Über Leben, Arbeit, Hobbies, Kinder, Ehe

Drängen sowohl zur Tat als auch zur Vernunft
Fahr! Vorsichtig! Wehe,
Wenn Du das Wesentliche verbockst kurz vor Ankunft.

Swar n leises Gespräch, dessen Tiefe ich versteh
Wach sein ist die Kunst
Der feinen Sinngewinnung aus allen Dingen unscharf oder zäh.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Jahr der deutschen Dichtung

Das Karwendelgebirge sanft umrissen in der Ferne. Unterwegs von München nach Innsbruck - Endziel Vomperberg. Foto: Che Chidi Chukwumerije, 18.04.2019.
Das Karwendelgebirge sanft umrissen in der Ferne. Unterwegs von München nach Innsbruck – Endziel Vomperberg.
Foto: Che Chidi Chukwumerije 18.4.2019.

WENN MITTEN AUF EINEM WEITEN FELD

Wenn mitten auf einem weiten Feld
Einsam ein Baum steht
Bleibt der Blick einen Augenblick lang
Auf ihn hängen in Ruhe
Denn kurz gleicht er unserer Seele
Darin verloren der Geist während
Im Kopfkino auf der Autobahn unbeherrschte Gedanken
Vorbei rasen – Aber bald verschwindet
Die Lichtung samt Feld und Baum
Schnell vergessen im Rückspiegel, das nächste Lied
Ertönt aus der CD; Bild folgt auf Bild;
Der Navi steuert dem ihm vorgegebenen Ziele stur zu.

– che chidi chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 9: VERSCHWINDEN.

Wenn ich auf der Autobahn fahre, habe ich den Eindruck, die Autobahn fährt auch auf mir. Wenn ich durch das Land fahre, empfinde ich es so, als würde das Land auch durch mich hindurch fahren. Und hinterlässt Spuren. Ich freue mich auf die morgige Fahrt. Sie wird, wenn alles gut geht, etwa sechs Stunden dauern. Am Anfang werden wir die Stadt und dann ihre weite mit Stadtgeist durchdrungene Umgebung im relativen Schweigen hinter uns lassen und dabei das Gefühl haben, einen Mantel, eine zweite Haut, auszuziehen. Irgendwann wird der Puls der Reise uns auf der Autobahn begegnen, uns aufsaugen. Nach einer Stunde vielleicht. Fast gleichzeitig werden wir laut ausatmen, uns gegenseitig anlächeln und uns entspannen. Bis dann wird die Kleine hinten bereits eingeschlafen und wir werden die Kindermusik-CD rausziehen und Tracy Chapman reinstecken. Das Gespräch mit dem Weg wird anfangen, darunter ein paar Erinnerungen an unsere besten und schlimmsten Fahrten aus der Vergangenheit. Danach wieder Schweigen, aber ein angenehmeres wie am Anfang, mit der Musik mitsummen. Immer wieder Stau, Baustellen, hoffentlich keine Unfälle. Ein oder zwei Toilettenpausen. Am Anfang wird man sie kaum erkennen, Umrisse weit in der Ferne, die Zukunft, allmählich klarer und dichter und unausweichlicher werdend, Berge. Wir fahren nach Süden. München ist für uns der Wendepunkt auf der Fahrt nach Österreich. Am Flughafen vorbei, an der Allianz Arena. Wird sie morgen vor Freude rot strahlen? Gleich geht’s los. Muss nach diesem Schreiben noch schnell ein paar gelbe Räucherstäbchen für meinen lieben tapferen BVB zünden. Die Frage, die mich auf dieser Strecke immer fasziniert ist, wo liegt die Grenze zwischen Deutschland und Österreich? Ich spüre es immer – äußerlich scheint sich nichts oder wenig geändert zu haben, und doch sind wir in Österreich. Ich kann es mir nicht erklären. Eine Aufregung, eine neue Spannung, wird sich ins Auto einschleichen. Schon längst lebhaftere Musik. Die Kleine wird aufwachen und sich gegen die Musik laut protestieren. Die Spitzen des Karwendelgebirges werden mit dem Inn vorbeifliessen, ihre Namen sind mir (wieder) unbekannt geworden. Jedes Mal schauen sie ins Auto hinein, schütteln ihre Köpfe über meine Vergesslichkeit. Ein paar Kilometer vor Innsbruck werden wir die Autobahn verlassen und in die Berge verschwinden.

– Che Chidi Chukwumerije.