STÜRMISCH

Leidenschaftlich stürzt der Himmel sich
auf die dunklen Berge - plötzlich
ist es überall nass - und sie sind sehr laut.
Diese Sehnsucht hat sich lang gestaut.

Es blitzt wie ein helles Lachen
Es donnert wie das Erwachen
von etwas, das nur nachts in Bergen wohnt
und nur die Hemmungslosen belohnt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKEN EINES BERGES

Manche spüren Gedanken,
wie andere lärmige Stimmen hören
und andere chaotische Scharen beobachten

Wie manche Hände auf ihrer Haut fühlen
oder Gerüche in einer Menschenmenge wahrnehmen,
spüren ein paar Menschen Gedanken

Einige Gedanken schmecken dem Feinschmecker,
viele nicht, Gewicht auf leisem Gemüt,
aber sie werden - wie der Wind - vergehen.

Laut sind heute Abend der Alpenwind,
die frohen Menschen am Nachbartisch
und meine suchenden Gedanken.

Nur die Berge schweigen. Die uralten.
Denn je mehr Wissen und Erinnerungen Du hast,
desto mehr schweigst Du.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÜCKFAHRT AUS TIROL

Der Weg ergibt sich aus dem Nebel
Tirol entkleidet sich schnell
entzieht sich dem feuchten Dunst
zwischen seinen Bergen
gibt den Weg frei, eine lange Schlange
und wendet sich unermüdlich
aus der Feier heraus, zurück ins Alte,
voran ins Neue.

Neben mir ein Fluss, der immer in ist,
nimmer out. Die Sonne erscheint zögernd,
es ist eine Wintersonne.
Langsam fallen die Berge zurück,
die Enge weitet sich, und
es liegt eine offene Welt wieder vor mir…
Mit Heimkehr steigt die Reiselust.
Mit Älterwerden, siehe, die jugendliche Lust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBERFLUG

Die harten Bergspitzen
kitzeln zart den nackten Bauch
des stolzen Flugzeugs

Überrascht hält es an,
knurrt sanft und bleibt schwebend
im Genuß gefangen –

steif und weich

Eine Wolke fast wie
ein tausend andere

Dann erinnert es sich plötzlich
an seine Reise wieder und eilt
schnell davon

scheu wie ein Vogel.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BERGWASSERFALL

Kaskadierend
schlendert das Wasser
die Felsmauer langsam herunter
und ich wusste, so sehen Tränen aus,
wenn ein Berg leise zu sich weint.

Und warum sollte er nicht weinen?
Da thront er, ummantelt von der Einsamkeit –
Die Menschen kommen und gehen
Die Bäume kommen und gehen
Die Vögel kommen und gehen

Doch der Berg steht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNAUFFÄLLIG

Die Normalität ist ein Berg
Ein Berg ist die Normalität
Deshalb wohl ist er so groß
Deshalb wohl ist sie so schwer,
zu überwinden

Täglich grüßt die Einfachheit
Einfach grüßt der Alltag
Als wäre er nichts
Doch ein Stück Deines Lebens flog heute
vorbei mit den Winden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER APRILBERG

Der Schnee ist den Gipfeln gewichen
Er ist geschmolzen
und mit einem leisen Seufzer
nach Hause gegangen.

Hier und da wie auf einer Leinwand
behält der überraschte Berg
eine zarte Erinnerung an seinen Gast
langsam verblassend

Und der blaue Himmel hoch da oben
der schiebt die Wolken auseinander
blickt mit Verlangen auf den Berg
und vermisst den Schnee.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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GLÜCKSMOMENTE

Ob eine Geschichte ein glückliches Ende hat oder nicht, hängt davon ab, wo man mit ihrer Erzählung aufhört.

Eine Episode vor dem glücklichen Ende und sie hat noch kein glückliches Ende gefunden. Eine Episode danach und das glückliche Ende ist fort und wieder das, was es war – nur ein weiteres Glücksmoment.

Wir leben von Glücksmoment zu Glücksmoment, wie ein Bergwanderer von Gipfel zu Gipfel lebt, und im Tal wachsen wir langsam zum Berg, ein Tal nach dem anderen.

– Che Chidi Chukwumerije.