GEDÄCHTNISSCHWUND

Er beobachtete sie
wie sie wie ein müder Ballon
langsam sank
und aus seinem Gedächtnis verschwand

Er war glücklich
daß er sie vergaß
Er war traurig
daß er sie vergessen konnte

Und er war traurig
daß er glücklich war
und glücklich
daß er traurig war

Ob er nun überwiegend
glücklich war oder traurig
das konnte er nicht sagen
und er wusste nicht warum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE REISE IST EINE INNERE

Mitten auf der Reise
fühlten sie sich wie zwei Fremden
unerklärlicherweise gefangen
auf einem Boot weit weit draußen
auf einem ihnen unbekannten Meer –
auf einander angewiesen
dazu verdammt, dem anderen
dabei zu helfen, in die jeweils entgegengesetzte Richtung zu paddeln.
Gut, daß die Welt rund ist. So rund
wie ein offenes und lächelndes Gesicht –
egal in welcher Richtung sie lächelnd segeln
schaffen sie die Kurve und
jeder kommt bei sich zu Hause an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BEZIEHUNGSWEISE

„Ich wusste gar nicht
daß Du so prüde bist,“
sagte er ihr mit einem Lachen.
Sie verlor ihr Gesicht,
erlag seiner List,
ließ nach mit ihrem Wachen
und war plötzlich wach!

Öffnete sich eifrig,
floß mit fleißig,
frisch, saftig, fleischig.
Wollte das Gegenteil
beweisen, weil oh weil
– weil was? Schwach weil geil?
Oder geil weil schwach?

Nachdem er Schluss machte
und plötzlich wieder verschwand
aus ihrem unruhigen Liebesleben,
dachte und dachte und dachte
sie nach. Und bis heute fand
sie noch keine Ruhe im Leben.
Jetzt ist sie wirklich wach.

Che Chidi Chukwumerije (11.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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BEZIEHUNGSSCHATTEN UND BEZIEHUNGSECHOS

Ich kenne Menschen, die neugierig über den weiteren oder späteren Lebensverlauf ihrer ehemaligen Beziehungspartner sind und sie gerne einmal wieder treffen würden, um mit ihnen zu reden, oder wären offen dafür.

Ich rätsele darüber, was tatsächlich der Antrieb zu dieser Gesinnung ist, denn ich bin da komplett anders. Ist es aus, ist es aus. Egal, wer Schluß gemacht hat. Auch Jahre oder Jahrzehnte später, verspüre ich in mir Null-Verlangen, ehemalige Beziehungspartner wieder zu treffen oder mit ihnen zu reden. Ich wünsche ihnen in meinem Herzen alles Gute, und wirklich so, und rede auch nie schlecht über sie. Aber das war es. An den Details ihres weiteren Lebensverlaufs bin ich nicht mal interessiert. Vorbei ist vorbei.

Es sei, wir schafften es, nach der Beziehung eine Freundschaft auf zu bauen – oder eine vor der Beziehung bereits bestehende Freundschaft in die Zeit nach der Beziehung hinein zu retten. Dann ist es hinterher eine Freundschaft, also etwas anderes, und wirklich eine, und kein auf-Sparflamme-gehaltenes Schwelgen in Träumereien über Was-wäre-wenn oder in verborgenen Hoffnungen anhand des einstigen Dagewesenen. Das kotzt mich echt an und verursacht eine noch heftigere und tiefgründigere Trennung.

Für mich ist vorbei wirklich vorbei. Abgeschlossen ist abgeschlossen. Nun: Der Vorgang des Abschließens, ja, der mag schwer sein und sich in die Länge ziehen. Das anfängliche Fehlen der Bereitwilligkeit, ein Aus zu akzeptieren. Das Verwirrtsein. Der Bedarf nach einem klärenden Gespräch – und manchmal nach noch einem. Das zähe Ringen nach der Kraft zum Wiederauferstehen. Oder auf der anderen Seite das Bereuen einer Entscheidung. Oder gar das Unsicher sein darüber. Schuldgefühle. Usw. Aber das ist ein Erlebnis, das unmittelbar nach der Beziehung folgt. Also, dieses Desinteresse meinerseits an den ehemaligen Beziehungspartner bezieht sich nicht auf die unmittelbare Nachbearbeitungszeit, die ich den Beziehungsschatten nenne. Und genau so wie beim Sonnenuntergang die Schatten lang sein können, kann ein Beziehungsschatten lang sein. Für mich ist das die Zeit oder das Zeitfenster der notwendigen Wundheilung – und ich rate alle immer dazu, diese Zeit auch für diesen Zweck voll und ganz, intensiv und gründlich, ehrlich und echt zu nutzen. Laß das Feuer in Dir wüten, sozusagen, und setze Dich gründlich mit dem Erlebnis auseinander. Auch wenn Du der Schlussmacher warst. Aber irgendwann ist die Sonne komplett verschwunden, vollständig untergegangen. Für mich auf jeden Fall. Es ist vorbei.

Ab jenem Zeitpunkt gibt es kein Zurück mehr, auch kein Interesse. Nicht mal die berühmte Wunderheilerin, die Zeit, kann diese Wunde jetzt noch heilen, denn die gibt es auch nicht mehr. Wenn ich Jahre oder Jahrzehnte später den Wunsch in mir verspüre, zu wissen, was aus einer Ex geworden ist oder mit ihr zu reden, dann ist das für mich eine Indiz dafür, daß da etwas noch nicht zu Ende ist. Oder auf jeden Fall noch nicht ausgelebt oder verarbeitet. Denn für mich ist vorbei wirklich vorbei. Ich spüre es innerlich. Vielleicht ist diese Denkungsart eine schlechte Form der Selbstpsychoanalyse eines Laien; aber ein Mensch, der keine eigenen Regeln und innere Realität hat, ist meiner Meinung nach auch Psycho.

Das ist einfach die Art und Weise, wie ich zu diesen anscheinend ewig langen Beziehungsschatten und vermeintlich ewig wiederkehrenden Beziehungsechos stehe. Und so deute ich das bei anderen Menschen auch aus, wenn sie mir davon erzählen, daß sie den oder die Ex gerne nochmal sehen würden oder sich fragen, wie deren Leben jetzt aussieht. Da ist etwas in der Realität noch gar nicht zu Ende. Nur: Was?

Che Chidi Chukwumerije

FREI WERDEN

Täglich begoß er sie
Mit seiner Sehnsucht nach Befreiung
Pflegte sie und hegte und schnitt
Und blieb zart mit ihr, denn sie
War eine Blume. Und blieb distanziert
Leicht von ihr, denn sie war seine
Vergangenheit. Und

Sie schluckte frustriert seinen Erguss runter
Denn nicht zart begoßen sein wollte sie
Sondern genähert und zermalmt
Bis sie verschwände. Und so verschwand
Sie nach und nach, wachsend an seinem
Erguß und vergaß seinen Würgekuss
Und wurde groß und stark. Und

Als sie reif genug geworden war
Pflanzte er sie still ins Freie um
Und machte endlich Schluß.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DESHALB LIEBE ICH DICH

Ich habe mehr als einmal
Mehr als zwei Frauen geliebt
Wirklich geliebt – Und jedes Mal
Hat allein die Liebe gesiegt

Entweder war es die Liebe zu Gott
Oder zur Welt oder zum Triebe
Oder zu einem brennenden inneren Komplott
Oder es war die Selbstliebe

Immer hat die Liebe gesiegt
Der Mensch hinkte hinterher
Und das einzige, was ich wirklich geliebt
Habe, war das große tiefe Meer.

Deshalb liebe ich Dich
Weil ich die Grenzen Deines Umfangs
Noch suche vergeblich
Heute noch Mehr wie anfangs.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GEGENSEITIGKEIT

Er hatte sich daran gewöhnt
Von ihr nicht begriffen zu werden
Und hatte langsam damit aufgehört
Sein Inneres Betreffendes ihr mit zuteilen –
Probiert es gar nicht mehr
Seine Erinnerung ist sein Herr.

Sie hatte sich daran gewöhnt
Des Nichtverstehens beschuldigt zu werden
Und hat sich darauf eingestellt
Sein nachdenkliches Schweigen als Antwort zu erhalten –
Hilflos und mit Liebe erfüllt
Schweigt sie auch, innerlich aufgewühlt.

Die Jahre kommen und gehen
Wie in unzähligen kleinen Ehen –
Ob wächst das gegenseitige Verstehen
Oder schrumpft es gar?
Es ist nicht mehr, was es war
Doch die Liebe ist unerklärlicherweise noch wahr
Die sie ohne Worte gegenseitig in ihren Augen sehen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MITMACHEN UND MITLACHEN

Einst sprachen sie die gleiche Sprache
Dachten sie, und dachten es die gleiche Sache
Und versprachen sich gegenseitig treue Wache
Über ungleiche Sachen in einheitlicher Sprache…
– jetzt schwören sie Rache.

Mitmachen und Mitlachen und davon das Mehrfache
Ist noch lange keine einheitliche Aussprache
Über gleich Gedachtes über die gleiche Sache.

Und jetzt schwören sie Rache.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

BRICH MIR DAS HERZ, DAMIT ICH SINGEN KANN

Brich mir das Herz, damit ich singen kann
Schenk mir den Schmerz, der zur Wahrheit zwingt
Reiße aus mir heraus, alles was ich bringen kann
Dann wirst Du erfahren, wie meine Liebe klingt

Die reinsten Töne, die verschieden sind
Dein Gewissen zerstückelnd, Glied um Glied
Oder rauh und verwirrt und dennoch voller Frieden sind
Und wenn sie schweigt, ist das auch ein Lied

Lindere den Schmerz mit nichts, was nicht echt ist
Unterscheide bitte nicht zwischen gut und schlecht
Frag nicht zuerst, ob Dein DU mir wirklich recht ist
Verfremdend intim sei es bitte wie ein Brecht!

Doch Achtung! Nach dem ich ganz geschiefert bin
Erstarke ich neu unter den Geistern, die ich rief
Und packe Dich hart, weil ich dann ganz geliefert bin
Und liebe Dich fürchterlich schwer und fürchterlich tief.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung.