ICH SAH MICH ZWEIMAL

Ich lief im Dunkeln, im Dämmern
und sah mich zweimal
Einmal auf, einmal neben
der Straße ohne Erinnerung

Dann lief ein Mann auf mich zu
lächelte und führte mich zurück
zu seinem Cajon wo es auf der Schwelle heller war
Er fing an, spielend ein Lied weiter zu singen

Ich blieb zweimal stehen
Einmal auf der Brücke
Einmal neben der Brücke
Ich hörte, genoss und verinnerlichte seine Musik

Dann bin ich aufgewacht aus dem Traum
Das Lied spielte weiter in meinem Kopf
als wäre es meins und ich frage mich,
Habe ich dieses Lied jetzt komponiert oder nicht?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEINE BRÜCKE

Zwei sitzen unter einer Brücke
Der eine fühlt sich übergangen
und zurückgelassen
Der andere fühlt sich überdacht
und untergebracht

Und immer wenn ein Wanderer
die Brücke überquert
Lacht hoffnungsvoll der eine erfreut –
Doch der anderer fühlt sich gestört –
Kannst Du raten, welcher wie reagiert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLSCHAFT

Sie grüßte ihn gerne
Setzte sich jedoch gerne
Zu ihrer Art –

Er arbeitet gerne mit ihr
Feiert allerdings lieber
Mit seiner Art –

Gleich und gleich gesellt sich gern
Doch in unserem inneren Part, weich
Funkelt einsam in jedem ein Stern

Sie liegt nachts wach
Er liegt nachts wach
Und jeder sehnt sich schweigend nach
Der inneren Gleichart.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ABSCHNITT

Manchmal blicke ich vom Büro
Durch die Glasscheibe hinaus
Auf eine Autobrücke
Die von allen benutzt wird
Und von allen verlassen wird –

Wer soll mich begleiten
Auf meinem langen gebogenen Weg?

 – Che Chidi Chukwumerije.