BUNTES LAND

Gedanken sind bunter
als Hautfarben
Ich denke ein tausend Gedanken
pro Sekunde -
Wie viele denkst Du?

Hessen ist bunt -
nicht wegen unserer Hautfarben
sondern wegen der Milliarden Gedanken
die es täglich produziert…
Oder was denkst Du?

Die Welt wird bunt
und bunter
wenn wir den Rahmen sprengen
Wenn wir die Grenzen überqueren
wenn wir weiterdenken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HANAU: MORD REINIGT KEIN LAND

Mord reinigt kein Land
Er beschmutzt es
Ohne Herz kann Hand
Nur Hässliches

Mord einigt kein Land
Er spaltet es
Ohne Empfindung hat Verstand
Nur Totes, Kaltes.

Hanau, wir sind echt, kein Trend.
Reiche mir Deine Hand
Wie ihr Lachen an dem Abend
Bevor es verschwand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INNEN UND AUSSEN

Wie Österreich und Deutschland
Bist Du in mir und außerhalb
Mit mir und ohne mich
Wie ich und andersartig
Meine Verdoppelung und meine Ergänzung
Und wenn ich Dich küsse
Küsse ich mich
Und wenn ich Dich verliere
Verliere ich mich
Und wenn ich Dich suche
Finde ich mich
Und wenn ich über meine Grenze gehe
Erreiche ich Dich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MACHT ARMUT UNSICHTBAR?

Es ist erstaunlich
wie viele Menschen
täglich an Armut vorbei gehen
ohne sie zu sehen –

Wie schafft die Armut das nur?
Mitten im reichen Land zu leben
unsichtbar in der Luft schweben

Immer größer werdend und kleiner,
verharmlost, täglich allgemeiner

Jedermann, Jedefrau, niemand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZWISCHEN ÖSTERREICH UND DEUTSCHLAND

Ich mache seit drei Maitagen
Urlaub in den Bergen in Österreich
und wieder spüre ich nebenbei wie immer:
wo Deutschland hart ist, ist Österreich weich,

wo Österreich schwer ist, ist Deutschland leicht.
Hier bin ich den Deutschen fern,
doch in anderer Hinsicht dem Deutschen nah.
Aus sichtbarem Fleisch und unsichtbarem Kern

besteht die Frucht der Eigenart der Sehnsucht.
Was brodelt in diesem Drang nach Mehr?
Mehr Heimat doch mehr Fremde und mehr
von dem Pendeln da zwischen hin und her

wie Schaukeln zwischen Polen des Verlangens,
Widerhall zwischen Herz und Hand,
Ferngespräche zwischen Südbergen und Nordseen, 
Autofahrten zwischen Österreich und Deutschland.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

POLARISIERT

Polarisiert -
Wo stehen wir als deutsches Land
in dieser undeutlichen Welt?
Was hätten wir lieber in der Hand?
Massenwohlstand oder Elitegeld?

Ein Schatten schleicht sich leise
um die Häuser der Massen herum -
Die Armut umschlingt die äußeren Kreise
und meidet zynisch das Zentrum.

Menschlichkeit ringt mit Patriotismus -
ziehen wir doch alle an einem Strang.
Auch wenn dabei der Geldfluss
sich richtet nach Klang und Rang.

Das Herz der Massen war immer tief,
immer treu und immer gespalten.
Versucht, gerade zu stehen, doch die Lage ist schief.
Was tun? Aushalten? Ausrasten? Verwalten?
- Polarisiert.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREFFPUNKT: ZAUBER

Wo bist Du, Einwanderer?
Bist Du wirklich hier?
Oder bist Du noch dort,
wo Du hierher gekommen bist?
Denn keiner kommt wirklich an. Niemals.

Wo bist Du Auswanderer?
Haben die es dort kapiert,
wenn Du mit ihnen redest und lachst,
daß Du noch nicht angekommen bist?
Denn keiner kommt wirklich an. Niemals.

Wie schön der Sonnenaufunduntergang
Magisch der Staffellauf der Jahreszeiten
Da spricht ein Geist, den Ihr so versteht
und ich anders - doch eines ist gleich:
Wir sind beide gleichsam verzaubert.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Che unter erwachenden Baum am Main. März 2022.

MICH BEHAUPTEN

Als ich nach Deutschland kam,
starb ich –
Wie eine umgepflanzte Blume,
verdarb ich –
Um Verbindung als Gleichart vergeblich
warb ich –

Als Gespenst mitten in der Menge
stand ich –
Unsichtbar als Ich, und als Mensch
verschwand ich –
Trost bei weder Weiß noch Schwarz
fand ich –

Bis keine Farben mehr, keine Labels
sah ich –
Erst dann wie ein Ereignis mir selbst
geschah ich –
Nach dem langen Weg, wo ich verlor
beinah Ich
War ich es doch, der mich erfüllen musste –
Ja, ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung