Ein Dichter ist immer allein denn seine Treue und seine Liebe gelten nur seinem Dichtersein, keinem Menschen, keinem Triebe. Das spüren die Menschen fein ohne es einordnen zu können: Meiner wird er nie wirklich sein - Seine Freiheit muss ich ihm gönnen. Doch des Freiseins Preis ist Alleinsein; Verbindungen kommen und gehen - Die wahre Bindung, hell, echt und rein, können die Wenigsten verstehen. Sie bleibt im Inneren bestehen, genährt durch die Einsamkeit - Die Fähigkeit, ins Herz zu sehen und fangen unsre tiefe Gemeinsamkeit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
dichter
EINSAM IST DAS DICHTEN
Einsam ist die Dichterin, der Dichter, Ein Mensch unter tausend Gedanken. Und Du, seine Richterin oder Richter, denk doch zuerst an dieses Innengeflüster, bevor Du anfängst, mit ihr oder ihm zu zanken. Wir sind mehr als Rasse oder Farbe, mehr als Geschlecht oder Gender, mehr als Kultur oder Klasse oder Behinderung, Orientierung, Bildung, mehr als politisches Agenda. Wir sind die Nacht, wir bergen Geheimnisse, von denen sogar wir noch nichts wissen, bis sie raus schlüpfen, namens Gedichte. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
AHNUNGEN DES DICHTERS
Ich bin ein Schmetterling
Ich schwör es
Denn ich schlüpfte gestern aus der Nacht
Und wurde endlich mein neuer Tag.
Ich bin eine Idee
Ich schwöre es
Denn ich keimte im Geheimen ungeahnt
Nun schleich ich in Deinem Kopf herum
Ich bin eine Wolke
Ich schwöre es
Ich sammle mich, immer und immer wieder
Denn ich weiß, bald weine ich …
Es ist, wie es ist
Ich bin eine Metapher für Etwas Unbekanntes
Mal fällt es mir ein, mal bin ich blank
Denn ich bin seine Leinwand.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HAND IN HAND
Ich nehme mein Stift
in die Hand
und warte geduldig darauf
selbst genommen zu werden
in Deine Hand.
Ich habe Dich noch nie gesehen
noch gehört
aber ich liebe wie Du mich
innerlich besuchst und sanft
Dein Herz legst auf meine Hand.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GEISTERHAND
Und meine Gedanken waren eine Leinwand
Und ich schaute auf sie und fand
Darauf den Eindruck einer fremden Hand.
War es mein Verstand
Der meinen Geist nicht verstand?
Oder wird jeder Dichter – außer Rand und Band –
Lediglich geführt von Geisterhand?
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MEIN ZUHAUSE
Ich stehe häufig unter einem Baume
In einem inneren Bilde
Vor meinem dritten Auge
Vor einer kleinen niedlichen Holzbrücke
Die über einem Bach gebogen liegt
Auf der anderen Seite des Bachs
Steht ein schönes Haus
Ich sehe es nicht, ich spüre es nur.
Da wohne ich –
Der Bach ist die Dichtung
Die Brücke ist meine Sehnsucht
Der Baum ist der Tag, der Augenblick
Und wenn ich die Brücke überquert habe
Und wenn ich das Gedicht geschrieben habe
Gehe ich nach Haus.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
DIE VERGEBLICHKEIT DES HARTEN SIEGES
Den Dichter töten
Kannst Du nicht
Doch der Mensch ist schwach
Hinterm Gesicht – Schicht unter Schicht
Dichtung ist sein Unterricht.
Wie kann Verstand
Empfindung begreifen?
Wie will grob die Hand
Nach Feinzartem treffend greifen?
Töten kannst Du nicht
Den Dichter, noch sein Gedicht
Ziehen vor Dein starres Gericht –
Trotzdem scheint abstrakt sein Licht durch.
Schwach ist nicht wirklich schwach.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
APRILGEDICHT
Ich sage manchmal Ja
Und ich bin da
Und manchmal Nein
Bitte laß mich allein
Der Regen zögert
Eingeschüchtert
Der Regen stürmt
Schuttelt und wurmt
April April
Du hast Deinen Stil
Und machst, was ich will
Befreist alle meiner Seiten
Schneller als ich es vermeiden
Kann, muß ich mich entscheiden
Täglich tausend Eindrücke
Und ich nur eine wackelige Brücke
Ein Dichter.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung
DES DICHTERS PFLICHT
Ein Gedicht
Pures Gewicht
Einsicht und Aussicht
Ein Gericht
Aber nicht.
Des Dichters Pflicht
Des Richters Licht
Schlichtes Gesicht
Ein Gericht
Aber nicht.
Etwas bricht
Jemand spricht
Eine kurze Nachtschicht
Lose und dicht
Pures Gewicht
Ein Gedicht.
– Che Chidi Chukwumerije.
FEST ABER ZART
Zart geht das
Bezwingen kann man es nicht
Empfangen nur
Kann man ein Gedicht
Das war zu hart
Denke daran, das ist eine Blume
Fest aber zart
Werbe Dich um die Blume
Und wenn ich scheide
Bleibe ich
Und wenn ich bleibe
Scheide ich
Aber nie aber nie leide ich
Scheide oder bleibe ich
So geht das
Bestimmen kann man es nicht
Empfinden nur
Kann man ein Gedicht.
– che chidi chukwumerije.
