HOTELZIMMER

Nichts ist so einsam
Wie ein Hotelzimmer –
Zurück, meine Gedanken reisen zurück
Zu meinen Geliebten, Herd und Heim
Voran, meine Gedanken eilen nach Vorn
Zu meinem Ziel, Wiederdaheim –
Diese Wände sprechen nicht zu mir.

Diese Wände sind einsam
Keiner bleibt, der kommt –
Jeder hinterlässt ein Stück Einsamkeit
Ein Stück Verlangen nach Herd und Heim
An diesen fremden Wänden undankbar
Jeder will nur Da sein: Wiederdaheim –
Diese Wände schweigen mit mir.

Doch. Ein paar Tage später
Beim Verlassen den Ort meiner Einsamkeit
Spüre ich etwas Unerklärliches
Denn wer trennt sich denn gerne
Von seiner Einsamkeit?
Dem einzigen Moment, in dem
Ein Mensch sich selbst begegnet.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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SCHEINSAMKEIT

Allein im Hotelzimmer
Fernsehgeflimmer
Gedankenschimmer
Es wird immer
Schlimmer

Öde Scheineinsamkeit
Die See in meiner Seele ist leer
Die Alleinsamkeit
Ist weniger einsam und genau so leer –
Also noch mehr Meer?
Oder nur „Scheinsamkeit“

Wer ist Deiner Freude Bestimmer?
Die Bäume stehen wie Schwimmer
Der Zeit. Einsam nimmer.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FREMDE MENSCHEN

Spieglein Spieglein
An der Wand
Wer ist der fremdeste
Im ganzen Land?

Fremd magst Du Dich einschätzen
Einsamer Mann
Doch neben Dir wohnt einer
Der seine Gefühle nicht teilen kann

Spieglein Spieglein
An der Wand
Nach dem Fremdesten fragte ich
Im großen ganzen Land

Dann wandere von Haus zu Haus
Wenn die Masken gefallen sind
Und der Mensch in seiner Ecke kauert
Ängstlich, allein, verloren, blind.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DURST UND EINSAMKEIT

Ich hatte Durst
Und stand an einem Fluß
Und trank nicht
Und mein neuer Durst wurde gelöscht
Mit meinem alten Durst

Denn mein alter Durst
Trieb mich weiter und immer
Weiter…

Ich war einsam
Und stand vor einer Umarmung
Und ging nicht hinein
Und meine ‚Scheinsamkeit‘ wurde getröstet
Von meiner Einsamkeit
Die so alt ist wie meine Reise

Und sie genügen mir und füllen mich
Der Durst und die Einsamkeit
Und füttern mich täglich mit
Der Götterspeise:
Dem Fluch der Erinnerung und
Dem Segen des Vergessens.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LIEBESSUCHT

Unbefriedigt lagen sie da
Beide in Gedanken verloren
Einander und der Einsamkeit nah
Und fühlten sich verloren

Die Einsamkeit verbindet und trennt
Erkennt und verkennt,
Was man kennt, Satz für Satz
Nähe ist kein Ersatz

Körper keine Freude
Verzweiflung vergeudet
Worte philosophisch, unschlüssig
Worte überflüssig

Wenn Eure Sucht
Nicht nur Trieb ist
Sondern die Sehnsucht
Nach der Liebe ist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE GESCHICHTE EINER LETZTEN FREIEN NACHT

Laut und versaut
Ist die Braut
Und wurde mit ihrer Einwilligung
In der Nacht gebraucht
Getarnt, von ihrer Maske beraubt
Lautlos geklaut
Und zum Schlachthof gebracht
Jenseits ihrer Grenze
Und mitten in der Party lachend entfacht
Von tausend Gedanken gehalten
Im Schach.

Dort hat sie die letzte Nacht verbracht
Denn das war Brauch
Und am nächsten Tag wurde sie wieder
Maskiert unter lautem Jubel getraut
Ein bitterer Nachgeschmack verstaut im Bauch
Nüchtern und schüchtern
Ob möglich keimender Gerüchte
Ein Geheimnis eingebaut in ihr Leben
Fürs Leben.
Keiner hat‘s durchschaut
Aber sie war allen vertraut
Denn laut und versaut
War die Braut.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TRAURIGE SCHÖNHEIT

Es rührt sonderbar zu sehen
Eine hübsche traurige Frau
Hinter ihr bereits zwei Ehen
In der dritten sitzt sie zur Schau

Ich beobachte sie nachdenklich
Wie sie an ihrem Tisch sitzt alleine
Unsere Augen, ab und zu, treffen sich
Ihre sind nachdenklicher wie meine

Sie hat die Jahre gut überstanden
Der Schmerz hat sie fesselnder gemacht
Doch sicher, das “Warum” hat sie nie verstanden
So selten wie sie heute noch lacht

An meinem Tische unterhalten sich
Meine guten Kumpel mit ihrem Ehemann
Er will bleiben und tanzen feierlich
Was sie will, wird nicht kundgetan

Lebhafter wird die Veranstaltung
Immer mehr Leute, Musik, Essen, Bier
Sie beachtet alles mit Zurückhaltung
Und tauscht immer wieder einen Blick mit mir

Ihre Schönheit ist atemberaubend
Aber die hat sie nie wahrgenommen
Nach dem Sinn des Lebens verlangend
Hat sie den Lebensberg stets rastlos erklommen

Kurz nur blieb sie noch sitzen
Während andere tanzten wild und schräg
Und als auch ich anfing, zu schwitzen
Schaute ich ‘rüber und sie war weg.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WÄRME

Einsamkeit, leise, reist
Schleichend wie ein kalter Geist
Durch das Land, umkreist
Und durchdringt und vereist
Unsere Seelen –

Menschen fehlen:
Der Wärmeaustausch, der beweist,
Wenn die Kälte uns innerlich verspeist,
Daß ich Dir sei, wie Du mir seist
Der Retter, wenn der Zug entgleist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SONNENAUFGANG GESTREIFT

Es wurde plötzlich hell
Ich habe Dich nicht kommen gesehen
Meine Augen waren zu
Kaum hatte ich dich berührt, war’s geschehen
Du atmetest tief und kamst schnell
Der Sonnenaufgang und Du
Und Ruh’…

Wie ein Kanu auf einem Fluß
Schaukel’ ich weiter, denn ich muss
Mich auch endlich zum Schluß
Langsam bringen, noch ein Kuss
Dann wie ein Kanu auf einem Fluß
Fliess ich weiter, Genuss, Genuss
Wann kommt endlich der Gnadenschuss?
Langsam verschwinden ist der intimste Gruß
Wie ein Kanu auf einem Fluß…

Es hört sich besser an als es war
Manch Intimes rührt so sonderbar:
Wie kann etwas so körperlich erregend
Sein und ich so geistig abwesend?

– Che Chidi Chukwumerije.