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Tag 162 – Das Jahr der deutschen Dichtung (2019)

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DIE GESCHICHTE EINER LETZTEN FREIEN NACHT

Laut und versaut
Ist die Braut
Und wurde mit ihrer Einwilligung
In der Nacht gebraucht
Getarnt, von ihrer Maske beraubt
Lautlos geklaut
Und zum Schlachthof gebracht
Jenseits ihrer Grenze
Und mitten in der Party lachend entfacht
Von tausend Gedanken gehalten
Im Schach.

Dort hat sie die letzte Nacht verbracht
Denn das war Brauch
Und am nächsten Tag wurde sie wieder
Maskiert unter lautem Jubel getraut
Ein bitterer Nachgeschmack verstaut im Bauch
Nüchtern und schüchtern
Ob möglich keimender Gerüchte
Ein Geheimnis eingebaut in ihr Leben
Fürs Leben.
Keiner hat‘s durchschaut
Aber sie war allen vertraut
Denn laut und versaut
War die Braut.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TRAURIGE SCHÖNHEIT

Es rührt sonderbar zu sehen
Eine hübsche traurige Frau
Hinter ihr bereits zwei Ehen
In der dritten sitzt sie zur Schau

Ich beobachte sie nachdenklich
Wie sie an ihrem Tisch sitzt alleine
Unsere Augen, ab und zu, treffen sich
Ihre sind nachdenklicher wie meine

Sie hat die Jahre gut überstanden
Der Schmerz hat sie fesselnder gemacht
Doch sicher, das “Warum” hat sie nie verstanden
So selten wie sie heute noch lacht

An meinem Tische unterhalten sich
Meine guten Kumpel mit ihrem Ehemann
Er will bleiben und tanzen feierlich
Was sie will, wird nicht kundgetan

Lebhafter wird die Veranstaltung
Immer mehr Leute, Musik, Essen, Bier
Sie beachtet alles mit Zurückhaltung
Und tauscht immer wieder einen Blick mit mir

Ihre Schönheit ist atemberaubend
Aber die hat sie nie wahrgenommen
Nach dem Sinn des Lebens verlangend
Hat sie den Lebensberg stets rastlos erklommen

Kurz nur blieb sie noch sitzen
Während andere tanzten wild und schräg
Und als auch ich anfing, zu schwitzen
Schaute ich ‘rüber und sie war weg.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WÄRME

Einsamkeit, leise, reist
Schleichend wie ein kalter Geist
Durch das Land, umkreist
Und durchdringt und vereist
Unsere Seelen –

Menschen fehlen:
Der Wärmeaustausch, der beweist,
Wenn die Kälte uns innerlich verspeist,
Daß ich Dir sei, wie Du mir seist
Der Retter, wenn der Zug entgleist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SONNENAUFGANG GESTREIFT

Es wurde plötzlich hell
Ich habe Dich nicht kommen gesehen
Meine Augen waren zu
Kaum hatte ich dich berührt, war’s geschehen
Du atmetest tief und kamst schnell
Der Sonnenaufgang und Du
Und Ruh’…

Wie ein Kanu auf einem Fluß
Schaukel’ ich weiter, denn ich muss
Mich auch endlich zum Schluß
Langsam bringen, noch ein Kuss
Dann wie ein Kanu auf einem Fluß
Fliess ich weiter, Genuss, Genuss
Wann kommt endlich der Gnadenschuss?
Langsam verschwinden ist der intimste Gruß
Wie ein Kanu auf einem Fluß…

Es hört sich besser an als es war
Manch Intimes rührt so sonderbar:
Wie kann etwas so körperlich erregend
Sein und ich so geistig abwesend?

– Che Chidi Chukwumerije.

HEIMATLOS

Wo hast Du die Verbindung zu Dir verloren?
Gefühlt warst Du noch gar nicht geboren
Am Anfang war es Dir nicht bewußt
Jetzt suchst Du nach dem Moment des Verlusts
Dieser Empfindung des Zuhause-Seins
Weder Deins noch seins noch meins ist meins
Und Du sitzst lang vor diesem Wort heimatlos
Und verlässt irgendwann wieder den Ort wortlos.

– Che Chidi Chukwumerije.

TIEFE TÖNE

Klavier mit sieben Stufen
Menschenleben, Graustufen
Doch: Kommt der Regen, kommt der Regenbogen
Die Sonne allein bringt keinen Segen
Auf den tiefen Tönen sitzt die Melodie
Des Ertragens.

Die Einsamkeit ertragen, egal
Ob Du allein oder zu zweit bist
Wir haben alle die Verbindung verloren
Zum Einzigen, Der Ist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ANTEILNAHME

Straßengesetzbuch
Artikel 1 – scheint zu sein
Jeder kümmert sich um sein eigenes Gesetz
Bis auf die Einsamkeit uns scheidet
Oder die Attacke, Diskriminierung oder Belästigung
Vor der wir alle den Kopf so weit wegdrehen
Es bricht uns das Genick
Keiner hat Nichts gesehen, Nigga

Artikel 2 – oder Ihr bündelt Euch zum Pöbel
Und läßt der Gruppenzwang Euch leiten,
Euch schützen
… vor Artikel 3 und allen weiteren.

Doch es gibt wie immer das wichtigste
Und alle wissen es:
Es sind die Nichthabenden, die aus dem Wenig spenden,
Was sie haben,
Weil sie Verständnis haben –
Die Vielhabenden schauen weg.

– Che Chidi Chukwumerije

NICHT UMSONST, DIE EINSAMKEIT

Nach über vier Jahrzehnten
Habe ich mich langsam an die Einsamkeit gewöhnt
Die zweite Hälfte war die schlimmere
Aber das Warten hat sich gelohnt
Das Erdenleben war nicht umsonst gelebt

Mit einem lachenden Herzen
Bei Sonnenaufgang in die Welt hinauszugehen
Fällt mir leichter als traurige Schwere
Leichter als Angst und Enttäuschung das Säen
Von Hoffnung in Freude angestrebt

Lang war mein Leben
Ein Warten auf den Tod, mein Tod ein Harren
Aufs Leben, das Leben war schneller
Denn die Einsamkeit war fester eingefahren
Meine Seele hat gezittert und gebebt

Doch womit ich nicht rechnete:
Die Einsamkeit selbst entfesselte
Den Morgen in mir
Und als ich am Rande der Kluft stand
Begriff ich, was uns verband:
Das Sehnen nach dem großen Mehr.

– Che Chidi Chukwumerije.