SICH VERTRAUENSVOLL UNTERHALTEN

Jedes Herz braucht einfach jemanden
mit dem es reden kann. Mehr nicht.
Ein Herz, reif wie der Herbst, unverstanden,
wohnt im Erwachsenen und Kind, außer Sicht.

Außer sich vor Einsamkeit in sich.
Niemanden haben, mit dem es reden kann.
Der Winter naht, schweigsam, dürftig,
durstig nach der Zweisamkeit Gespann.

Denn jenseits der Gewalten
von Pflichten und Ideologien und Trieben:
Sich lieben ist sich vertrauensvoll unterhalten
und sich vertrauensvoll unterhalten ist sich lieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLEINER

Heute höre ich das Schweigen
Warum ist das Schweigen so laut?
Und warum hört es keiner?

Das Schweigen, unauffällig
Wenn Menschen auseinander fallen
Bereits allein, und jetzt auch noch alleiner

Alleiner ist stärker als mehr allein
Das Mehr trügt,
Wo das Wesentliche immer weniger wird.

Das Schweigen breitet sich aus
Von Mensch zu Mensch, Haus zu Haus
Und wahre Gespräche werden weniger.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NIRGENDS IST‘S SO EINSAM WIE IN EINER EHE

Nirgends ist’s so einsam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken aneinander vorbei gedacht;
Innerlich entfernt, äußerlich zusammen gelacht;
Verstehen, nicht verstanden zu sein.
Und an die Einsamkeit sich gewöhnen.

Nirgends ist‘s so zweisam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken gemeinsam durchgedacht;
miteinander geweint, aufgebaut, gelitten, gelacht;
Verstehen, tief verstanden zu sein.
Und mit der Zweisamkeit sich verwöhnen.

Nirgends ist‘s so heilsam, wie in einer Ehe.
Heilig wäre fast das richtigere Wort.
Jedem seine geheime Welt lassen. Dort,
wo er sich selbst sein kann, muß nicht verstanden sein.
Die hässlichen Seiten und die schönen.

Nirgends ist’s so verschieden wie in einer Ehe;
Auf gemeinsamem Weg unterschiedlich altern,
gemeinsam unterschiedlich stolpern,
gemeinsam lernen, daß sie unterschiedlich sind;
unterschiedlich fassen, daß sie eine Gemeinschaft sind.

Zu Zweit Geheimnisse verschweigen und horten;
unvorstellbare Erlebnisse an unvorstellbaren Orten;
Dennoch: zu zweit allein sein und allein zu zweit sich supporten;
Mit widersprüchlichsten und einfachsten Worten.
Nirgends ist‘s so seltsam wie in einer Ehe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER FLÜCHTLING

Während er von Grenzpolizei
zu Grenzpolizei flüchtete, brauchte er
eine innere Heimat – am Anfang war die Hoffnung
sein Fluchthafen, aber als sie nach und nach
im Wirrsal der Ablehnung und Beleidigung
langsam umgestülpt wurde,
wuchs Erinnerung zur Herzscholle,
auf der er heimatlich wohnte, jedes Mal,
wenn er die Augen schloss.

Wie durch eine Lorgnette
aus der Ferne erblickte er die Sippschaft,
drollig, imponierend, … entrückt, abstrakt,
referierend fast über eine verlorene Welt.
Das Kind in seinem Herzen kannte sie,
er aber nicht mehr. Er wischte
die nassen Schuppen von seinen Augen
und pflügte voran wie ein Fischkutter
in kalten Gewässern – wahrlich Heimatlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DURCHBLICK

Wenn Du auf alles verzichten musst
um Raum zum Verdichten einem zu lassen;
Du dabei anscheinend viel verpassen musst,
was manche gutmeinend Dir bedauern –

Wie schnell wächst dann Dein Tiefblick
in die Herzen aller, die Dich lieben
wie Ohren ein Geheimnis lieben,
voyeuristisch, solidarisch, lauernd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAMKEIT

Wenn wir uns nah genug kommen
erkennen wir
wie weit entfernt von einander wir sind

Wenn wir uns weit genug von einander entfernen
erkennen wir
wie nah wir einander sind

Wir müssen uns nur von der richtigen Person entfernen
und der richtigen Person annähern
um zu erkennen, was falsch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEISTER

Geister,
habe ich in Erfahrung gebracht,
sind einsame Menschen,
stecken und gefangen geblieben
jenseits unserer Gemeinsamkeit.

Wie einsam muß es sein
mitten unter Menschen zu leben,
und sie sehen Dich nicht
und sie hören Dich nicht
und sie fühlen Dich nicht…

Ist es nicht besser,
weiter zu gehen?
Ist es nicht manchmal besser,
Dich einfach zu lösen
und Deinen Weg weiter zu gehen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGEN DEN STROM

Es gibt die,
die vor Einsamkeit flüchten –
sie verlassen das Land der Vereinsamung,
notlanden in lachenden Wüsten,
stranden an menschenüberfüllten Küsten.
Wo einst ihre Verachtung distanziert stand,
wo nichts sie mit denen verband,
da dürsten sie jetzt mit all ihren Sehnsüchten.

Man nennt sie nicht Flüchtlinge,
dennoch sind auch sie auf der Flucht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung