JEMANDEN ZU VERSTEHEN

Es ist schwer
jemanden zu verstehen
der mit Worten schweigt
und mit Schweigen redet

Ich engagiere mich in der Politik
Auch wenn ich weiß, daß
die Politik die Menschheit nicht retten wird.

Ich zeige meinen Kindern den Weg
Auch wenn ich weiß, daß
sie ihren eigenen Weg gehen werden.

Ich arbeite für Geld,
auch wenn ich weiß, daß
Geld mich nicht glücklich machen kann.

Ich folge Regeln und Gesetzen,
auch wenn ich weiß, daß
sie dem Menschengeist nicht wirklich entsprechen.

Und wenn ich mit Dir schweige oder rede
und Du denkst, daß ich schweige oder rede
dann fühle ich mich noch einsamer als je zuvor
auch wenn ich weiter rede oder lächele oder schweige.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWEIGSAM EINSAME MENSCHEN

Schweigsame Blätter
Stadtblumen
Seht Ihr mich nicht, Stadtbaum?

Denn Ihr seid meine Retter.
Ranzoomen.
Versteckt Euch nicht hinten am Saum.

Wie ist das Wetter?
In Stimmen leisester Volumen
Ist auch ein guter Gesprächsanfang im geschlossenen Raum

Augenkontakte sind Sprungbretter
Lächeln sind Brotkrumen
Führen uns Einsame zu unserem Traum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREIBSTOFF FREUDE

Die Freude ist ihr Treibstoff -
wie teuer muß sie noch werden
bevor sie sie sich nicht mehr leisten kann?

Wie wird sie ihn dann noch erreichen?
Ohne ihre Freude ist er verloren
in der Dunkelheit seiner Gedanken.

Denn ihre Freude ist nicht nur ihr,
sie ist auch sein, Treibstoff. Nicht Frau
sondern Freude braucht der einsame Mann.

Was sind Küsse ohne Freude?
Was ist ein Lächeln ohne Freude? Mit
leeren Umarmungen kann er nicht auftanken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÖFFNE DICH

Wer nimmt Dich ernst?
Wer sieht Dich ganz?
Wer hat Dich gern?
Wer hält Deine Hand?

Wo bist Du nicht fremd?
Wo bist Du nicht Zuhause?
Überall Feind… und Freund
In jedem Bekanntenkreise.

Öffne Dein Herz
Schieb Deine Ängste beiseite
Bereite mir dadrin einen Platz
Ich komme voller Freude.

Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DICHTERHERZ

Ein Kind ging im Wald spazieren
und merkte irgendwann
die Schönheit der Steine überall;
sie zogen ihn in ihren Bann.

Er nahm einen Stein in die Hand,
drückte ihn gegen sein Gesicht;
der Stein schien plötzlich zu reden,
erzählte dem Kind ein Gedicht.

Und jeder Stein, den er nahm,
erzählte ihm sein eigenes Poem,
drang tief in das kindliche Herz ein,
hauchte ihm ein sein Zauberodem.

So sammelte es jahrelang Steine,
trug sie aus dem Wald hinaus -
und aus allen diesen Dichtungssteinen
baute es sich ein Haus.

Das Kind wurde erwachsen,
der Erwachsene lebte und starb
und nach einer langen langen Zeit
wieder auf der Erde geboren ward.

Und wuchs und spielte und suchte
und strebte und wusste nicht:
es wohnte tief in seinem Herzen
für jeden Tag ein Gedicht.

Bis eines Tages die Liebe,
an einem anderen Tag der Verlust,
dann Verrat, Sehnsucht, Sünde, Reue
sprengten das Herz in seiner Brust.

So fand er in seinem Schmerz,
daß tief in seinem Geiste
sein Herz war felsenfest und stark,
egal wie tief er hinein reiste.

So reiste er weiter durch den Wald
in seiner Seele und fand
eines Tages einen Garten dadrinnen,
in dessen Mitte ein Haus stand.

„Zuhause!“ wusste er wieder,
denn es war tief und es war schlicht
Und nun hat er wieder, glückliches Kind,
für jeden Tag ein Gedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KUSCHELTIER

Kuscheltier
kuschelt nicht
Heißt nur so
Lächelt nicht
heuchelt nicht
streichelt nicht
Kuscheltier
tuschelt nicht
schmeichelt nicht
so wie so.

Dennoch
füllt es ein Loch
bringt Wärme
Gesellschaft sacht
denen, die keine Arme
halten in der Nacht.
Ersatz für die Zweisamkeit
in einer Welt voller Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SICH VERTRAUENSVOLL UNTERHALTEN

Jedes Herz braucht einfach jemanden
mit dem es reden kann. Mehr nicht.
Ein Herz, reif wie der Herbst, unverstanden,
wohnt im Erwachsenen und Kind, außer Sicht.

Außer sich vor Einsamkeit in sich.
Niemanden haben, mit dem es reden kann.
Der Winter naht, schweigsam, dürftig,
durstig nach der Zweisamkeit Gespann.

Denn jenseits der Gewalten
von Pflichten und Ideologien und Trieben:
Sich lieben ist sich vertrauensvoll unterhalten
und sich vertrauensvoll unterhalten ist sich lieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung