GEBEN EMPFANGEN

Vielleicht ist es Dir entgangen
Du warst die Antwort auf mein Verlangen

Von der Einsamkeit eingefangen
Zweisamkeit anbietend hinausgegangen

Als Worte, die zittern, die bangen,
die in Deine Sehnsucht hineindrangen

Worte, die miteinander mitsangen
Eine Wellenlänge, auf der wir schwangen

Gemeinsam gefangen
Gemeinsam ausklangen

Geben ist das schönste Empfangen
und ist das Schönste empfangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHLAF GUT

Ich denke, wenn ich schlafe
Deshalb schlafe ich so gern
Ich schlafe mit wirren Gedanken ein, und
wache auf mit Klarheit in meinem Gehirn.

Denn Ihr wohnt alle in mir,
die ich einmal gehört hab
Ich brauche nur Stille, Schweigen, Ruhe
um Euch zu hören hinter Eurem Grab.

Da lebt Ihr, wo der Tod tot ist
Wo das Leben schon lange lebt
Und manchmal, wenn ich angeblich wach bin,
habe ich den Eindruck, mein wahres Ich schläft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER UNSICHTBARE FLUSS

Wenn ein Regenbogen farbenleer ist
wie ein hohler Becher ohne nichts
eine Sonne ohne Licht, sie erhitzt
heimlich und reimt sich stolz auf nichts

Du erlebst einen völlig leeren Tag
ohne Licht, Farbe, nichts. Doch zum Schluß
bist Du abends voll. Mit Wasser labst
Du Dich nicht, doch erfüllt Dich ein Fluß.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HABEN UND SEIN

Empfangen
Ohne nicht zurück geben zu können
Ist wie Ankunft und
Aus dem Fahrzeug
Nicht aussteigen zu können –

Man fährt gefühlt
Mit leeren Händen
Schweren Herzens
Wieder
Zurück.

Empfangen und
Nichts zurück gegeben haben
Ist geleert – und gelehrt – sein.
Lieber sein lassen
Und nichts haben.

Und dann entdeckst Du in Dir
Ein Lächeln, Demut und Anmut,
Das Dankesagenkönnen,
Den Befarf nach dem Gleichgewicht
Zwischen Haben und Sein.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TAUSCHEN

Wer sich selbst vergißt
Erinnert sich am Wahrsten an sich selbst
So wie er tatsächlich ist

Wer sich selbst ganz gibt
Empfängt die Wahrheit über sein Selbst –
Ob er sich dann vergibt?

Wer sich ganz zurück hält
Der gibt und empfängt das Gleiche selbst
Ob es ihm oder nicht gefällt

Und der, wer sich verstellt
Empfängt ein Zerrbild von seinem Selbst
Und von seiner und der ganzen Welt

Wir treffen uns
Wir trennen uns…
Ob wir uns je treffen?
Ob wir uns je trennen?
Auf Wiedersehen
Auf Nimmerwiedersehen
Denn wir werden nie wieder dasselbe sein
Was wir heute waren und heute allein.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FEST ABER ZART

Zart geht das
Bezwingen kann man es nicht
Empfangen nur
Kann man ein Gedicht

Das war zu hart
Denke daran, das ist eine Blume
Fest aber zart
Werbe Dich um die Blume

Und wenn ich scheide
Bleibe ich
Und wenn ich bleibe
Scheide ich
Aber nie aber nie leide ich
Scheide oder bleibe ich

So geht das
Bestimmen kann man es nicht
Empfinden nur
Kann man ein Gedicht.

– che chidi chukwumerije.