ENDZIEL: CHARACTER

Wissen! Können! Erobern! Besitzen!
Sind lieben und leben nicht holdere Aufgaben?

Ordnung war immer die höchste Tugend,
selbst unter den niedrigsten Schaben.

Unsere schönsten eitelsten Erfindungen
wird unsere Empfindung mahnend untergraben.

Ihr redetet jahrzehntelang vom Frieden,
doch der Krieg war, wieder, immer Euer Vorhaben.

Was ist Dein Wort überhaupt noch wert?
Fließende Lügen stillen keinen Durst beim Laben.

Wahrlich, der gute Charakter ist gewichtiger
als Wissen, Wollen, Können und Haben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUHÖREN

Ich habe ein großes Bedürfnis nach Schweigen,
nach einem großen randlosen Schweigen
ohne das Geräusch von Mensch oder Technik,
von Tieren oder Elementen oder Gedanken.
Ein Schweigen so tief, daß ich in seinen Armen
meine allererste, älteste, ur-sprüngliche
Empfindung wieder vernehme,
aus der ich gesprungen bin,
aus der ich geworden bin.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BAUCHGEFÜHLE

Irgendwas wächst in meinem Bauch
Da ich weder schwanger bin noch mich krank fühl
Bleibt nur die eine Schlussfolgerung:
Es wächst in mir ein Bauchgefühl.

Eine gewisse Ungewissheit -
Oder eine ungewisse Gewissheit?
Denn das etwas ist, das weiß ich gewiss,
Nur ist das genaue Wissen etwas ungewiss.

Dieses Warten auf Bestätigung
Und, manchmal, Hoffen auf Widerlegung…
Schweigen war immer mein bester Freund
Und riet stets leise zur Vorbereitung.

Auf Veränderung, denn Menschen ändern sich;
Auf Wiederholung, denn Menschen bleiben gleich;
Weißt Du noch, als ich Dein Bauchgefühl war:
Und eroberte tatsächlich wie befürchtet Dein Reich.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERNE SIRENEN

In der Dichtung wirkt Magie,
denn kindliche Poesie umgeht
die schwer analysierende Energie
kopfgenagelter Akademie,
die zersägt und verdreht.

Klug. Die Menschheit ist so klug.
Zu klug für Einfachheit.
Der Verstand ist sich selbst genug,
doch niemals genug für den Höhenflug
innig feinster Innerlichkeit.

Manchmal nach beendetem Gedicht
starre ich aus dem Fenster.
Heute sehe ich Toronto‘s Gesicht,
leise Hochhäuser im milden Sonnenlicht
und ferne Sirenen wie Gespenster.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNERFÜLLT

Ich muss allerdings gestehen
Es fällt mir heute nichts ein
Ich habe nichts Neues gesehen
War den ganzen Tag allein
Nicht ich der Mensch äußerer Gesichter -
Sondern ich der innere Dichter.

Wie ein Ich in meinem Ich saß ich
Und sah mich vieles machen
Manchmal ernst, manchmal spaßig
Unterwegs mit meinen sieben Sachen -
Und ich merkte nicht, daß ich mich beobachtete,
Bis der Abend dämmerte und ich erwachte.

So wenig leben wir, während wir leben,
Das lebendige Ich versteckt sich.
So wenig geben wir, wenn wir geben.
Das lebendige Ich entdeckt sich
erst am Ende seiner langen Lebensreise -
Ein Junge unerfüllt im sterbenden Greise.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MORGEN VIEL LEICHT

Ich spüre den Morgen in der Luft
aber er ist nirgend in Sicht,
ich finde ihn nicht.

So wie ich Dich in mir spüre
und finde Dich nicht,
meinen Sonnenschein, mein Licht.

Doch es schwebt schon der Morgenduft;
Ob aus Passion oder aus Pflicht
zeigt der Morgen täglich sein Gesicht.

Du aber schreitest nie durch die Türe
in meinem inneren Dickicht –
außer ab und zu als Gedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNTER DER HAUT

Ich mußte diesmal lang hinein hören
um Dich in mir herauszuhören
denn ich bin meinungsstark und laut 
unter meinem Schweigen über meine Haut

Wer bist Du? Unter Deiner Haut.
Wie viele Personen sind darunter verstaut?
Darf ich da rein? Ich will nicht stören.
Nur wissen, ob wir innerlich zusammengehören.

Das Eindringen könnte Schichten zerstören 
und versteckte Gedichte heraufbeschwören.
Farben haben uns die Sicht verbaut.
Unter der Haut aber ist mir alles vertraut.

 - Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

SANFT GROOVEN

Wenn alles ruhig geworden ist
und die frohen Stimmen aus der Kindheit
endgültig verschollen zu sein scheinen…

Wenn die Musik aus dem Speaker sanft groovt
und meine Widersprüche mittanzen
denn was soll man abends sonst machen?

Wenn Du aus meinem Seelenuntergrund schlüpfst
denn Du weißt, daß ich schwach geworden bin –
Ich habe den Kampf gegen mich verloren –

Welcher Held wird nicht zum Fall gebracht?
Welche Lüge ist nicht insgeheim die Wahrheit?
Welcher Erwachsene vermisst sein inneres Kind nicht?

Auf Wiedersehen, Du.

Lümmelnd groovt der späte Abend dahin..
Schweifend tanzen meine Gefühle miteinander
Schweigend beobachte ich mein inneres Ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DA WO DU BIST

Frag keinen nach dem Weg.
Er wird Dir nur seinen Weg zeigen,
nicht Deinen. Deiner ist eigen.

Er beginnt da, wo Du bist.

Frag keinen nach dem Landungssteg.
Er wird Dir nur seine Beine zeigen,
nicht Deine. Selbst mußt Du umsteigen.

Es findet da statt, wo Du bist.

Menschen können aussehen, wie Du –
Sie haben trotzdem eine andere Aussicht.
Menschen können anders aussehen als Du –
Sie verstehen trotzdem Veränderung nicht.

Zumindest die nicht, die die Deine ist –
Sie verändert Dich, und dort, wo Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRAUMWEG

Neulich entdeckte ich einen Pfad,
der durch mein Gedächtnis lief –
Er schien eine Erinnerung zu wecken,
die schon lange in mir schlief
und nun nach mir leise rief.

Neugierig folgte ich dem Pfad
im Gedächtnis und es lichtete sich
nur langsam mit jedem vorsichtigen Schritt.
Sein unbekanntes Ziel blieb nebelig,
mir so verschleiert wie mein altes Ich.

Ich lag im Bett, Augen zu, still
und lief im Gedächtnis immer weiter –
Plötzlich sah ich vor mir stehend, und
hörte … ein Pferd, eine Stimme, ein Reiter:
Folgst Du dem Weg oder dem Wegbereiter?

Der Pfad verschwand aus meinem Kopf
und die Frage nahm seinen Platz.
Ich erwachte aus meinem Tagtraum
und wiederholte mehrmals diesen Satz
und hütete es in meinem Herz wie einen Schatz.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung