INNERER FRIEDEN, TIEFER ALS GEDANKEN

Schwerbeladen sank und hing der Kopf,
vollgestopft und beschäftigt mit des Tages Zoff,
ein brodelnder, köchelnder, zugedeckter Topf.

Die Seele, aus leichterem, feinerem Stoff,
ignorierte ihn, trank von alledem keinen Tropf,
weder von Gedanken schräg noch Gefühlen schroff.

Sondern sie suchte den Geist, zart - klopf klopf:
In der Empfindung wohnt alles, was ich mir erhoff -
Öffne Dein Inneres Ge-Wand. Dein Herz ist ein Knopf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESICHTER

Die Gesichter.
Leinwände menschlicher Geschichten.
Jedes Lächeln ein neues Kapitel
mit Seiten und Unterseiten.
Ein Satz spricht Geschichten,
ein Absatz schreibt mehrere Leben
in einem Abenteuer von Liebe und Verlust.
Scherz schmückt manch einen Leidensweg
aber Schmerz kann man lesen, immer,
Verzweiflung beobachten wie einen Film,
der sich langsam entwickelt -
Alle Bilder sind beweglich, selbst der Toten.
Zwischen den Zeilen weilen Zweifel und Angst,
List nimmt immer einen und noch einen Twist.
Hass war nie eine Maske,
Frag jemand, der schonmal hasste.
Doch die Geschichte der Freude ist
die Liebesgeschichte zwischen Sonne und Hoffnung.
Es gibt aber eine Seite, die ich immer
und immer wieder neu lese -
Das ist die der Entschlossenheit.
Schau einem Menschen einmal tief ins Gesicht:
Der Blick, mit dem er Dich trifft,
das ist sein Gedicht.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM HINTERGRUND

Die einen schreiben unsre Gedanken nieder
Die anderen geben unsere Worte wieder
Noch andere singen unserer Empfindungen Lieder
Aber sie sind uns unsichtbar,
Uns ungreifbar, von uns unvernichtbar,
Im Karmakreislauf unverzichtbar.
Unsere Welt lebt und webt in zwei Welten.

Manch ein Dejavu, manch ein Un-fall,
Schicksalhafte Begegnungen per Zu-fall,
Erstaunliche Erkenntnisse durch Ein-fall:
Uns traf es vielleicht unvorbereitet
Aber jemand oder etwas hat es vorbereitet,
Mit unsren Taten als Zutaten es uns zubereitet.
Zwei Welten, und wir merken es selten. 

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HUNDERT EMPFINDUNGEN

Was ist das,
wenn hundert Empfindungen
mein Herz durchwühlen
und tausend Gedanken
meinen Kopf beschäftigen
und doch am Ende
kein Wort mir über die Lippen kommt.

Du schaust mich an und fragst mich
Was ist los?
Woran denkst Du?
Ich schaue Dich an
Ich ringe lang nach Worten
Und antworte Dir dann, ehrlich…:
„Ach… nichts.“
Nichts, was ich in Worte fassen kann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKEN ALS FALLTÜRE

Ich begab mich auf die Suche
nach dem Gedanken,
der mich so traurig stimmte eben…
doch ich konnte mich nicht mehr an ihn erinnern –
So schnell wie er kam, verschwand er wieder
Hinterließ nur diese Traurigkeit.

Aber als ich weiter fahndete
fand ich einen anderen Gedanken
der in mir eine Vorahnung tiefer Freude auslöste
Ich flog und flog, vergaß die Traurigkeit…
bis ich wieder zu mir kam und erneut
nach dem Freude auslösenden Gedanken griff…

Doch auch er war weg. Vergessen.
Zurück geblieben ist nur die Empfindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SIRENEN

Polizeisirenen
Alle paar Minuten
Wie plötzliche Empfindungen
Die in mir durchblitzen
Mein Herz springt auf und
Auf zuckt mein Denken
Rennt der Sirene hinterher
Fragt sich, was hat diesen Einsatz ausgelöst?
Doch die Empfindung antwortet selten
Und der Kopf hört nicht auf, zu denken
Lange nach dem es um mich
Und in mir
Wieder still geworden ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE LUFT IST EMPFÄNGLICH

Düstere Gestalten laufen langsam auf dem Gehweg –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Ich möchte sie aufhalten; sie flüstern: Geh weg!
wir haben unser Eigenleben nun – nach unserem Sinn.

Lichte Gestalten schweben leise durch die Nachbarschaft –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Sie vertreiben die düsteren. Jeder Nachbar schafft
ein Teil der allgemeinen Stimmung – ganz nach seinem Sinn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GREIFBARE GEDANKEN

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die sehnsuchtsvoll
An Dich denken?

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die feindselig
An Dich denken?

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die neugierig
An Dich denken?

Was Du spürst, ist die Art und Weise
Wie leise leise und weise weise
Die Schöpfung alles hört und alles weiß
Und alles weitersagt, ohne Beweis.

Lang bevor es das Internet
Der Dinge als Erfindung
Gab, gab es das Internet
Der Gedanken und Empfindungen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

JENSEITS DER GEDANKEN

Deine Gedanken waren
Dir mal fremd
Fremde Gedanken scharen
Sich um Dich –

Schickst Du einen fassbaren
Gedanken Samen aus
Halten sie sich fest und fahren
In Dich ein

Ungehört doch gespürt garen
Sie in Dir
Nehmen Einfluss auf Dein Gebaren
Und weiteres Denken.

Hör auf Dein Herz und Gewissen, Mensch
Tiefer, auf Dein geistiges Lichtempfinden –
Nicht alle Gedanken sind blind zu folgen.
Versuch, die Innere Stimme mit einzubinden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FLÜCHTIGE EMPFINDUNGEN

Früh am morgen
Während sich nächtliche Besucher
Wie Fangnetz vom Traum
Auf dem Heimweg machen
Der Baum reckt sich, schüttelt
Den Kopf, atmet ein und aus den Wind
Wer bist Du, Bewegung tausend Gedanken
Rollend schweigsam ins Licht
Das mir aufdämmern möchte?

Es ist ein Fehler, den ich
Oft wiederhole. Ich drehte mich
Um, um nach zu sehen
Und verlor den Faden.
Kluge Köpfe werden mir nun
Den ganzen Tag über Ersatzgedanken
Großzügig und ungebeten liefern
Aber weise Menschen werden mit mir schweigen
Und den Schatz in unserem Geist aufbewahren.

– Che Chidi Chukwumerije.