DIE IDEE DES LEBENS

Wenn unsere Ideen uns Mörder nennen würden,
weil wir sie nach Belieben formen und zerstören,
schaffen und lebendig begraben,
hätten sie Recht?

Oder sterben die Ideen gerne
im Dienst einer höheren Idee?:
Die Idee, daß Menschen Ideen wie Stufen nutzen -
so werden aus Ideen die Leiter,
die zur Verwirklichung der höchsten Idee führt:

Leben des Lebens wegen;
Lieben der Liebe wegen;
Streben des Strebens wegen;
Entwicklung der Entwicklung wegen;
Schönheit der Schönheit wegen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN AUFLEBEN

Wir können zehntausend Meilen
im Gleichschritt still stehen,
zehntausend Gespräche führen
und uns nicht verstehen,
zehntausend Mal einander anschauen
ohne einander zu sehen
und trotzdem einfach so weitermachen
wie in zehntausend anderen Ehen.

Oder wir können einmal die Regeln brechen
und einmal die Sünde begehen,
auf die eigene Innere Stimme zu hören
und ehrlich den ehrlichen Weg zu gehen –
Wir können mutig gemeinsam kämpfen,
den Begriff „Leben“ umzudrehen
und etwas Neues machen
auf Erden aus unseren Ehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DANKE FÜR DEN TAG

Danke für den Tag
für den Kampf mit mir selbst
für den magischen Wechsel zwischen Morgen und Mittag
für die Phasen, in denen ich mich vergaß,
denn genau dann war ich mein wahres Selbst.
Danke für die Trockenheit, die Nachmittag heißt,
denn ein Tag besteht aus vielen Welten.
Und wieder überraschte mich die Abenddämmerung,
ich weiß nie, wo sie herkommt …
noch weiß ich, ob es Wehmut oder Freude ist,
die ich empfinde, während ich
mit Augen zu schaue
mit Ohren lausche
mit Gänsehaut registriere
mit Herzen ahne,
wie der Abend langsam der Nacht weicht,
die von der Zukunft heran schleicht,
jede Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE DORNEN DER ROSE

Wenn ich mich von Dir trenne
Würdest Du darin die Liebe erkennen?
Wenn der Schmerz unerträglich brennt
Würdest Du darin die Liebe erkennen?

Wenn der Weg steinig wird und hart
Würdest Du darin den Weg erkennen?
Wenn der Weg Dich verändert hat
Würdest Du Dich darin erkennen?

Was ist Liebe, wenn Du einsam bist?
Was ist Liebe, wenn Du ein Sucher bist?
Wieso schickt sie uns keine Gesellschaft?
Dreht sich weg und wünscht uns viel Kraft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZYKLEN

Ich laufe über mein Klavier
Und alle paar Schritte stehe ich wieder
Am Anfang meiner Lebenslieder
Wir haben alle dafür so ein Gespür
Dejavu ist des Lebens Dauersouvenir
Wie wiederkehrend der Morgen dem Tag
Egal was der Kalender behaupten mag
Mein Gedicht ist Reinkarnation auf Papier.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GRENZSTEIN

Der Mensch, der Weltenwanderer
Hat auf seiner Expansionsreise
Sich vorgedrängt bis zur Grenze
Seiner widersprüchlichen Denkungsweise…
Weiß nicht weiter.

Zurück oder weiter?
Wo endet das eigene, beginnt das fremde?
Was darf man nehmen, darf man lassen?
Wie sehen Feinde aus, wie Freunde?
Was bestimmt Massen, Klassen, lieben, hassen?

Welche Grenze liegt noch unerforscht?
Denn alle erkennbaren haben wir bereits
Mehrmals erreicht, durchbrochen, überquert
Doch unbefriedigt brennt der geistige Lichtreiz –
Wir wollen weiter!

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

NICHT UMSONST, DIE EINSAMKEIT

Nach über vier Jahrzehnten
Habe ich mich langsam an die Einsamkeit gewöhnt
Die zweite Hälfte war die schlimmere
Aber das Warten hat sich gelohnt
Das Erdenleben war nicht umsonst gelebt

Mit einem lachenden Herzen
Bei Sonnenaufgang in die Welt hinauszugehen
Fällt mir leichter als traurige Schwere
Leichter als Angst und Enttäuschung das Säen
Von Hoffnung in Freude angestrebt

Lang war mein Leben
Ein Warten auf den Tod, mein Tod ein Harren
Aufs Leben, das Leben war schneller
Denn die Einsamkeit war fester eingefahren
Meine Seele hat gezittert und gebebt

Doch womit ich nicht rechnete:
Die Einsamkeit selbst entfesselte
Den Morgen in mir
Und als ich am Rande der Kluft stand
Begriff ich, was uns verband:
Das Sehnen nach dem großen Mehr.

– Che Chidi Chukwumerije.

DES LEBENS GEDICHT

Alles, aber auch nur alles
Alles, was Du Dir nur vorstellen kannst –
Alles, aber wirklich alles
Alles, was Du weißt und denkst und ahnst
Und denkst, daß Du kannst,
Unscheinbares und Monumentales
Alles, was Dir je einfallen könnte,
In tausend Jahren noch einfallen wird,
Auf Deinen Wissensberg sich noch thrönte,
Mit neuen Erkenntnissen Dich krönte,
Alles, was Dir Weisheit beschert
Und Dich Neues immer wieder aufs Neue belehrt,
Alles, was Du Dir gönntest und mehr
Alles, was Du einst hattest und findest aber nimmermehr
Jede Grenze, jeder Gipfel, jeder Endpunkt
Jeder Traum, der schimmert und prunkt
Und näher rückt, ewig näher und näher,
Jede ewige Idee, die noch funkt,
Alles Streben und alles Erreichen
Und alles Ankommen und weiter hoffen –
Entrungenes aller ent-inkarnierten Leichen
Und deren Zeiten, einst; alle Möglichkeiten noch offen,
Alles kann und wird übertroffen.

Der Du heute bist
Wirst Du nimmer wieder werden
Auf dieser reisenden Erden –
Kurz ist die große Frist
Denn es gibt immer Höheres im Lebensgetriebe
Übertroffen wird alles, nur eines nicht
Und das ist die einfache wahre Liebe,
Des Lebens ewiges Gedicht.

– Che Chidi Chukwumerije.